TOKMOK
Nach kurzem Suchen (Wegbeschreibung: „Nach einem Baum links rein“) wie geplant ein Abendessen bei Kolleginnen von Lukas, sie wohnen (noch) in einer Art favela in einem Kindergarten, wir sitzen im Tanz- und Bewegungsraum neben Plüschtieren und essen zu neunt, danach herrlich alberne Spiele und ein improvisierter Club, bestehend aus I-Pod Lautsprechern und einer über die Glühlampe gestülpten Socke- kurz darauf verdächtiger Brandgeruch. Auf dem Rückweg machen wir Witze darüber, dass man in dem Vorort immer Steine bei sich haben sollte, um sich Straßenhunde von Leib zu halten.
Am ersten Samstag nach dem letzten Blogeitrag sind Aibek und ich dann mit einer karitativen Organisation namens „The Green House“ nach Tokmok, einer 60000 Einwohner „Stadt“, die ca. anderthalb Stunden östlich von Bischkek liegt, gefahren. Davor jedoch zum Hauptquartier dieser Organisation: Das Haus ist wirklich grün, überall Fotos mit Bilduntertiteln wie: „Stay positive“ oder „A smile can change the world“- hier können Kirgisen mit den das Haus leitenden Amerikanern Englisch üben und wunderbar christliche Taten vollbringen, wozu auch eben das Besuchen von Waisenhäusern gehört. Die Leiterin ist schon älter und vom dauernden Hervorheben ihrer unglaublich(en) positiven Energie ein wenig mitgenommen, deswegen wirkt ihr Lachen ein wenig verkrampft, so, als täte sie es wissend, was das Lachen für Folgen haben kann. Naiv ist sie wohl nicht. Nichtdestotrotz: Wir fuhren nach Kant, ob diese Ortschaft nach Immanuel oder dem kirgisischen Wort für „Zucker“ (wegen der dort ansässigen Zuckerfabriken) benannt wurde, bleibt im Verborgenen, vielleicht ist das Wort auch nach dem Immanuel entstanden, oder es gibt eine Verbindung zwischen dem Ort und der Süße des kategorischen Imperativs? Karies und Bactus, mysteriös.
Das Waisenhaus befindet sich in einer ländlichen Gegend, das erste Mal bin ich dem im Zentrum fast prunkvollen Bischkek entwichen und wie erwartet rollen Eselskarren über schlaglochübersäte Asphaltpisten und fein geschniegelte Schulkinder rennen durch den Staub. Der Marschrutkafahrer bekommt per Zeichensprache von den anderen Fahrern mitgeteilt, wenn die Polizei im Anmarsch sein sollte, so hat er noch Zeit, das Tempo zu halbieren und so zu legalisieren. Die Geste erinnert ein wenig an einen West-Side-Hip-Hopper. Wir kommen an, das Haus dort mach einen soliden Eindruck, alles ist viel ruhiger hier und ein wenig mit einer niedergeschlagenen Stille belegt, obwohl die dort wohnenden 100 Kinder so offenherzig und neugierig sind, wie ich es aus dem Zentr kenne, machen sie keinen so extrem rast- und endlosen Radau. Sie sind wirklich Waisenkinder, keine Sozialwaisen. Eine der amerikanischen Christinnen beschwert sich darüber, dass der kirgisische Staat Adoptionen so schwer mache. Ich will ihr aus Höflichkeit nicht widersprechen und gebe ihr somit Recht, dass doch eigentlich jeder Mensch in den Staaten leben sollte, zumindest wenn er putzig ist oder billig arbeitet. The promised land. Sie spricht nach drei Jahren soviel russisch wie ich es nach drei Wochen tue- so bekomme ich den Kulturimperialismus der Amerikaner mit. Wir spielen Frisbee und Volleyball mit den Kindern, machen Musik, tanzen, wie ein komischer sozialer Wanderzirkus haben wir Farbe und den verlockenden Glanz der Außenwelt in die Institution gebracht, für einige Stunden, für einen halben Tag. Wir fingen an, Kinder zu schminken, besonders begehrt war die flammenumrandete schwarze Maske, nur einmal kurz eine Unterbrechung: Eine Kuhherde musste durch das Gelände, innerhalb von Sekunden ist man von gemächlich schaukelnden Eutern umgeben die unwissend ein unbestimmtes Ziel verfolgen zu schienen, getrieben von einem o-beinigen Reiter mit kurzer Peitsche, weißem Lederhut und seinem monotonen Rufen, bei denen man merkt, wie oft sie schon benutzt worden sind, um sich seinen Lebensunteralt zu verdienen. Auf dem Rückweg: Schlaf, der Abend davor war anstrengend gewesen.
WANDERUNG N°1
Wie geplant dann am Sonntag die Wanderung zu dem See, anderthalb Stunden Fahrt in der Marschrutka, eine bunte Truppe (kirgisische Frauen mit rosa Handtasche und Stoffballerinas, zwei deutsche Midlife-Crisis-Touristen, russische Militärfanatiker, die in Tarnmuster-Hotpants (???) und Bazooka-Taschen (!!!) den Berg hochjoggen- und wir mittendrin). Auf der Hinfahrt: Frei lebende Pferdeherden, komische Truthahnfamilien und der atemberaubende Kontrast zwischen dem kargen Ödland auf den Berghängen und dem Fluss im Tal mit penetrant gelb strahlenden Birken und vielen Sanddornsträuchern. Wir ziehen los, Schwarzwaldatmosphäre, Gebirgsbach und Tannenwald, und immer wieder diese knöchernen aufgeplatzten Äste.

Auf den Lichtungen, bei denen wir oft vorbeikommen, liegen grauweiße Steine auf makellosem Gras, als ob sie dort jemand sorgfältig nach einem Muster platziert hätte. Nach dem steilen Wald: Das Hochland mit langen Gräsern und Wacholderbüschen. Es liegt die Provence in der Luft und wir essen abgrundtief saure Beeren. Das einzige was fehlt: Die Herr der Ringe Filmmusik, als wir über die Bergkuppe steigen und den See zum ersten Mal sehen: Eisblau, in strahlendem Türkis.

Wir ruhen uns aus, essen Comce (mit Fleisch oder/und Kartoffeln gefüllte Blätterteigtaschen), trinken Wasser aus dem See, es ist kalt und schmeckt leicht nach Sedimenten. Gewohnt hyperaktiv: Weiter, Kaisa und ich müssen noch den ganzen See umrunden. Man kommt sich vor wie bei einer Kamerarundfahrt im Film, die eine Szene aus allen Richtungen beleuchtet, die Kulisse verändert sich mit jedem Schritt. In einer kleinen schönen Bucht: Einige russische Kirgisen veranstalten ein monströses Picknick, sie bieten uns Plov, anscheinend eine Art Eintopf, und Vodka, anscheinend eine Art Wasser, an, wir begnügen uns mit dem Gedanken an einen sicheren Abstieg und nehmen dankend nur ein bisschen Brot an. Beim Abstieg: Gewohnt hyperaktiv, Kaisa und ich rennen durch den extrem unwegsamen Wald, wie Freerunner in der Natur, man springt von den Steinen ab, findet Steilkurven, weicht Wurzeln aus. Unten angekommen: Erschöpft und glücklich. Auf der Rückfahrt kommen wir nach dem von Deutschen, die von Lenin wegen „Sicherheitsgründen“ aus der Sowjetunion vertrieben worden sind, gegründeten Dorf „Rotfront“ in einen Kuhstau; die geruhsamen Damen ignorieren gekonnt das Hupen der Autos, die mitten in der Herde feststecken.

AUS DEM PROJEKT
Neues von der Arbeit: Nadja ist jetzt da und wir verstehen uns super, sie kann mir bei russischen Wörtern helfen und hat viele Ideen, was wir mit den Kindern machen können. Allein wäre ich nicht so aktiv. Ein aufkommendes Problem ist meine Nutzlosigkeit: Das Projekt braucht mich, bzw. Nadja und mich, nicht wirklich, wir sind eher im Weg. Morgens habe ich die Möglichkeit zwischen Frühstück (9 Uhr) und 10:40 Uhr, wenn ich die Kleinen von der Schule abholen muss, etwas zu machen. Anderthalb Stunden sind nicht viel. Dann, nach der Schule, gibt es Mittagessen und danach müssen die Jungs schlafen gehen. Auch wenn sie schon zwölf sind. Mir ist das echt ein Rätsel, die Mädels müssen das nicht tun, und es schläft sowieso keiner, es gibt immer nur nervige Schreierei und ich kann in der Zeit nicht viel machen, weil Nadja mit den Mädels sich beschäftigt. Nun ja, man wird eine Möglichkeit finden.
Beim Abholen der drei Jungs (Mohamed, Igor und Yilgiz) von der Schule: Sie begrüßen mich immer so lieb, als holte ich sie schon seit langem jeden Tag von der Schule ab, irgendwie bin ich etwas wie der Ersatzvater von den Dreien geworden. Aber dann ein pädagogischer Engpass: Igor hat Bonbons, zwingt mir netterweise eines auf, Yilgiz ist beleidigt weil er keins bekommt, ich frage Igor, ob er den Anderen keines geben will. Er gibt Mohamed eines, aber Yilgiz ist schon weggerannt. Ich muss ihn einfangen, wir müssen auf den Bus. Er ist nicht sehr schnell, aber mich schauen die Eltern der anderen Schüler an, als wäre ich ein Kinderschänder. Er bekommt von Igor das Bonbon und ist zufrieden gestellt, trotzdem nimmt er immer wieder Steine aus dem Straßengraben und droht den anderen beiden damit. Notiz am Rande: Er ist sieben. Im Nachhinein hätte ich einfach weitergehen sollen, er wäre schon mitgekommen. Hoffentlich.
Fast jeden Tag im Projekt: Lektion 1 „Wie man Kinder auspowert, ohne sich selbst zu erschöpfen“. Sie bekommen so viel zu essen, dazu noch der überflüssige Pesudo-Schlaf und als Sahnehäubchen Vitaminpillen; wie könnten sie auch anders als nicht stillsitzen wollen? Mit Origami ging es nicht wirklich (surprise!), Fußball wirkt immer, und dank meiner Funktion als Kletterbaum, Achterbahn und Schaukel kann ich auch auf ein Fitnessstudio verzichten.
Interessanterweise erklären die Kinder mir die Sachen manchmal nicht mehr, wenn ich etwas nicht verstehe und nachfrage, sondern reden lauter und wiederholen den Satz. Sie scheinen also nicht zu merken, wie viel ich eigentlich nicht verstehe- aber ich höre trotzdem zu: Sie haben viel zu erzählen.
WG-LEBEN
Wir haben polnische Pierogi gekocht, Teigtaschen mit Kartoffel-Schmand Füllung, ziemlich fein. By the way: Unser snobistischer living room, so aufgeräumt wie nie, mittlerweile müssen wir aber nicht mehr die Gardinenstange als Trockengestell benutzen und haben zwei Sofas, auf denen auch Gäste übernachten können. Man sieht draußen eine unsere drei Terrassen, in einer befindet sich die Kochzeile. Die Treppe rechts führt zu den Zimmern der hier hausenden adligen Gestalten.

Am Wochenende: Aibeks vierundzwanzigster Geburtstag, wir kochen alle zusammen Salate, gemütliches Beisammensein, danach in den Club „Globass“ mit Liveband, Twist und danach russischen Schlagern, ziemlich witzig. Und das Projekt: „Mehr Russisch in den Alltag“ – wir wollen/sollten uns nicht an das Englische gewöhnen. Der „pointless fridge“ mit dem penetranten Geräusch wurde abgeschaltet, er hat nicht gekühlt, deshalb ja auch pointless. Ich hasse ihn, er ist durch seine Untätigkeit an meinem derzeitigen eintägigen Zwangsurlaub schuld.
DORDOIJ
Unsere Einrichtung wird immer besser, wir waren bei Dordoij Bazaar, dem größten in ganz Zentralasien, und haben einen Reiskocher, Plastikschüsseln aus der Türkei, Handtücher, Kleiderbügel, Glühbirnen und alles Sonstige gekauft. Der Bazaar ist unvorstellbar riesig, er liegt ein weinig außerhalb der Stadt und ist an und für sich eine eigene Stadt, obwohl er erst vor ca.15 Jahren entstanden ist. Er erinnert innen ein wenig an einen trocken gelegten Hafen, oberhalb der Geschäfte und Stände sind Container gestapelt, die die unglaubliche Menge an Lagerware beherbergen. Gefeilscht wird nicht, die Preise stehen fest. Man schiebt und drückt sich durch die Menge, die unfassbare Vielfalt an Bildern, die auf einen einprasselt verstärkt das Gefühl, nicht mehr aus dem Straßennetz herauskommen zu können. Zwischendurch die klagend-lockenden Rufe von Händlerinnern, die für 25 som (40 ct) Comce verkaufen und sie in ausrangierten Kinderwägen durch die verbeulte Gegend schieben. „Kind durch Karriere ersetzt“, ist das jetzt zynisch?

Auf dem Rückweg: 41 Personen und fünf große Einkaufstüten in einer Marschrutka (zugelassen sind 15), das sind drei bis vier Personen pro Quadratmeter, kein offenes Fenster, dagegen ist ein Rockkonzert nur billig.
Nun denn, gerade habe ich russische Elementarvokabeln erhalten, mjami mjamm, vielen Dank auf jeden Fall für die Rückmeldungen. Ich hoffe es geht euch gut; und wie so oft: Es bleibt spannend.
Hey Brudi,
AntwortenLöschendas klingt echt spannend! Ich finds total schön, dass du dir die mühe machst alles aufzuschreiben. ich muss zugeben, deine sprachlichen raffinessen (kant und der vergleich mit karies und bactus hut ab) geben dem ganzen ein bisschen einen roman charakter, etwas surreales. ich weiss, dass du das bestimmt nicht willst, weil du ja von der realität berichtest, aber manchmal kann ichs gar nicht glauben, dass du das wirklich alles erlebst. take care, ich denk an dich!