Die erste Arbeitswoche ist vorüber. Ich sitze nun hier in Bischkek in meinem Zimmer, in dem wundersamerweise ein verstimmtes Piano steht und versuche auf die erste, extrem erlebnisreiche Woche zurückzublicken. Die WG hier besteht aus zwei Kirgisen, einem anderen deutschen Freiwilligen und einer Polin. Sie hat ca. 120 Quadratmeter auf zwei Stockwerken und liegt einigermassen zentral. Zur Arbeit brauche ich eine Viertelstunde zu Fuß.
Ankunft am Sonntagmittag: Leere Batterien und interessante Gespräche dem Flug sei Dank, dann das Abgeholtwerden von Perisat, der Koordinatorin. Auf der Fahrt durch Bischkek der erste Eindruck: Ein riesiger Park, überall Bäume, in diesem fahren mordlustige Autofahrer durch die Gegend und wirklich verschiedenartige Menschen und weiter außerhalb auch Esel fliehen vor ihnen. Es ist herbstlich warm hier(mittlerweile stimmt das nicht mehr, es wird kühl) und dementsprechend wurden wir empfangen, Einzug (=Zimmer aussuchen, Koffer hinlegen) in der Wohnung und dann gleich zum Os-Basar. Niedrige Sonnenschirmstände, ausländische Ware, süße Milchkugeln im Angebot auf der Kofferraumladefläche eines alten deutschen Autos. Bunte Plastikschüsseln überall und Menschen, die sich an einem vorbeidrängen und im Dickicht des Handels verschwinden. Die Abteilung für Militärsuniformen ist riesig, anscheinend sowjetische Überbleibsel. Wir kaufen das nötigste: Bettzeug (China), Wasserkocher (China, die letzte Woche für Nudeltütensuppen benutzt, der Herd funktioniert nicht, obwohl man das Hahnenwasser hier problemlos trinken kann), Besteck (China) und sonstiges Basics. Ausschlafen.
Allgemein schlafe ich viel, alles ist neu.
Am nächsten Tag mit Perisat und Lukas zu den Projekten; die Leiterin seines Projekts, eine Deutsche, über das Meinige: „Es ist keine gute Institution. Ich kann ihnen nichts Genaueres sagen, weil ich morgen noch leben will, aber: Hüten Sie die Kinder. Hüten Sie sie. Manchmal möchte man schreien, wenn man weiß, was passiert.“ Netter Eindruck- ich zwinge mich, mir eine eigene Meinung erst zu bilden, wenn ich es mir leisten kann. Dann wirklich zum Kinderheim, in der Novaja Köcösü. Bunte Wände mit Blumen, keiner spricht Englisch oder Deutsch (von „eins zwei drei“ und dem „Hände Hoch!“ aus Spielfilmen einmal abgesehen). Ich werde den Mitarbeitern vorgestellt und sage zum ersten Mal den Satz, den ich mittlerweile so oft wiederholen musste: Ne ponil, ich verstehe nicht. Entgegen den Erwartungen (ertappt!) ein guter bzw. nicht miserabler Eindruck von den Einrichtungen, es gibt zwei Schlafsäle, nach Geschlechtern getrennt, einen Lehr- und Mehrzweckraum, Küche, Esssaal, Doktorzimmer, Therapeutenzimmer (nie offen), Rektorat, Sekretariat (jetzt mit Molchen und rosa Hamsterkäfig). Die Jungs rennen mit ziemlich kaputten Spielzeugautos an Schnüren durch die Gegend und freuen sich ungemein, dass sie mich nach Namensnachfrage (sich 50 russische oder kirgisische Namen zu merken, ist definitiv nicht leicht, auch wenn dort mindestens fünf Kinder Sascha heißen) zum Fußballspielen instrumentalisieren durften. Dann Essen, pro Kind hat die Institution 60 Som am Tag, das entspricht einem Euro. Davon gibt es Frühstück, Mittagessen mit Salat oder (mit Glück: und) Suppe, nachmittags Tee und typisches Gebäck. Den Sponsor der Institution habe ich auch schon kennen gelernt, er kommt aus Kreuzlingen und kam mit einem Film- und Dokumentationsteam während des Mittagsschlafes in den Saal. Komische Situation, aber zumindest ein Mensch mit Plan und Geld.
Noch zur Arbeit: Jeden Morgen von neun bis mindestens vier bin ich dort und kann so lange bleiben wie ich will. Allgemein wird mir nichts vorgeschrieben und vorgesetzt, dementsprechend auch nicht geholfen (was wohl auch daran liegt, dass die Kommunikation noch sehr unbeholfen vonstatten geht). Habe mit den Kindern dann Papierflugzeuge gebaut und mit Buntstiften angemalt, was ihnen ziemlich viel Spaß gemacht hat. Die Kinder, vor allem die Mädchen, sind wirklich gute Russischlehrer, extrem geduldig und erklären mir alles zehnmal. Leider sind die Kinder oft ziemlich aggressiv, beispielsweise wenn es darum geht, wer jetzt mit mir Hand in Hand durch den Spielplatz laufen darf, dann kommt es oft zu Tritten und Faustkämpfen. Allgemein suchen die Kinder extrem den Körperkontakt und die Aufmerksamkeit, sind sehr anhänglich und man merkt nicht nur äußerlich, wie vernachlässigt sie sind. Riesige grüne Beulen am Kopf, Wunden und Narben von Zigaretten, faulige Zähne, Entzugserscheinungen à la Heroinjuckreiz. Meine Kollegen gehen fast alle nicht sehr zimperlich mit den Kindern um, Schläge auf den Hinterkopf sind so gewöhnlich wie das andauernde Schreien Die Betreuer müssen wirklich sehr Angst um ihre Autorität haben, was diese dann nicht gerade fördert. Nächste Woche kommt Nadja noch ins Projekt, ich bin freudig gespannt wie sich die Sache entwickelt, gehe aber sehr gerne ins Heim und ich merke, dass die Kinder und Jugendlichen es auch nicht als das Schlechteste betrachten, wenn man sie, wie es überraschenderweise meiner Ansicht nach nicht anders geht, ins Herz schließt.
Am Mittwoch dann abends die erste Erkundung des Bischkeker Nachtlebens im Apple Club. Später auch ein DJ aus Berlin, ca. 30 ausdrucksstark tanzende Menschen. Gute Stimmung. Dazu im Gegensatz gestern eine pseudo-snobistischer Club mit Aufpassern im Smoking und leicht- später dann unpassender Weise sehr leicht- bekleideten Animierdamen mit Schleier. Langweilige Musik, unschöne Menschen, dauerndes Strobo-Licht, später Spiele im Stil von türkischen Hotelanimationen. Thema des Abends: Hochzeit. Aha.
Unsere WG diente bis jetzt oft („oft“, nach einer Woche, jaaa) als Sammelpunkt für den weitern Verlauf des Abends, dementsprechend lernt man viele Leute kennen, Kirgisen als auch Freiwillige- coole Szene.
Thema: Essen und Trinken. Unser Standardabendessen: Tütennudeln, nicht sehr dekadent, aber nach dem Versuch, normale Nudeln (was ja durchaus dekadent wäre) im Wasserkocher zuzubereiten, sind wir wieder auf nicht-matschartige Kost umgestiegen. Aber im Restaurant: Lagman, extrem lecker, Nudeln mit Hammelfleisch und Gemüse. Wir hoffen hier, dass der Herd bald funktioniert. Milchprodukte gibt es hier in allen Formen und Farben, Milch mit 8% Fett, Kefir, Tschalal (wie Kefir mit Kohlensäure, ziemlich fein und angeblich ein gutes Katergetränk), Shoro (schmeckt und sieht aus wie Braumaische mit viel gutem Schwefeldioxid, oder lag das daran, dass das Getränk schon drei Wochen abgelaufen war?) etc. etc., frische Pistazien, getrockneter Fisch, Sandwiches, Brotaufstrich, der wie sehr junger Camembert schmeckt, rote Beete Suppe (Borschtsch), geräucherter Fadenkäse (hohe Suchtgefahr), die Spannung steigt, man bleibt gespannt.
Ein kurzer Ausflug in die Innenstadt, Transportmittel: Marschrutka, d.h. Kleinbus mit vielen Leuten und fehlender Orientierungsmöglichkeit, wenn man mit dem Kopf am Dach klebt. Taxis sind auch günstig, obendrein gibt es sogar Elektrobusse. Kurze Visite des Zentrums: Historisches Museum im sowjetischen Monumentalstil, Weißes Haus mit Einschusslöchern am Mauerwerk, die bei der Revolte während der letzte Wahlen entstanden sind (im Oktober sind übrigens wieder Wahlen, es sind offene Plätze zu meiden), dann ein Geplauder mit einer netten Dame, die uns höflich fragt, ob sie mit uns sprechen darf. Sie wollte ein bisschen Englisch üben. Kleiner Kunstmarkt: Kitschiger Kirgisischer Kram; Landschaftsmalereien, erinnert ein bisschen an die Bilder in österreichischen Berghütten. Daneben, um dem Klischee zu entsprechen, Pferdedarstellungen, mit Reiter, ohne Reiter, dynamisch und statisch, Pferde für jeden (Kunst-) Geschmack.
Sonntags: Historisches Museum, Teppiche auf den Treppen und davor ein riesiger Platz (namens Ala-Too), eine eigene Abteilung für Tschingis Aitmatov, Bücher in allen Sprachen, Manas-Kultur. Der erste Stock wurde so gelassen, wie er noch zu Sowjetzeiten war- ziemlich absurd überfüllt mit riesigen Bronzereliefs mit dem braven Herrn Lenin und seinen Kumpanen, direkt daneben: Lebendige Geschichte, Fotos von den Aufständen im letzten Jahr, Blut und Flammen neben verstaubtem Fanatismus. Wer sich hier wohl fühlt hat ein Problem. Aibek und ich gehen weiter, 19. Jhdt., Nomadentum, schwere Prunkgürtel und Peitschen, überall Handarbeit. Dann ab ins 5. Jhdt., der Grundriss eines buddhistischen Tempels mit arabischen Inschriften, daneben die vertrocknete Leiche eines Kriegerfürsten.
Heute: Im Projekt die Extreme: unglaublich herzerwärmende Kinder und Betreuer, die sie schlagen. Ich sitze daneben, schaue tatenlos zu und weiß definitiv nicht, wie ich mich verhalten soll- ich darf im Prinzip nichts tun, habe nicht das Recht und die sprachliche Möglichkeit, einen „professionellen“ Erzieher in die Schranken zu weisen, andererseits: Schuld durch Untätigkeit, verständnislose Kindergesichter. „Zu Hause“ müssen sie wohl noch mehr geschlagen werden, sonst wären sie nicht im Heim. Ein Kind, Stas, plötzlich mit Platzwunden an Auge und Mund, ich weiß nicht, was dahinter steckt- ein betrunkener Vater, eine Auseinandersetzung auf der Straße? Das linke Schulterblatt von Andrei ist zehn Zentimeter zu weit oben.
Und trotzdem: Sie lachen und freuen sich, bedanken sich bei mir für Zeichnungen von Actionfiguren, die sie mit Buntstiften ausmalen können, sind ausgelassen beim Basketball spielen. Ihre Welt scheint mir gegensätzlicher nicht möglich.
Der blogspot server scheint offline gewesen zu sein, deswegen jetzt auch kurz die dritte Woche in diesem Blogeintrag:
Ich wurde sehr oft als Baum benutzt und von bösen Vampiren gebissen: Die Kinder bei der Arbeit verlieren zunehmend Berührungsängste und tollen richtig freudig mit mir herum- der Rekord liegt bei sieben Kindern auf den Schultern und an Armen. Dass er nicht allzu bald gebrochen wird, ist klar. Mein Russisch wird immer besser, ich fühle mich definitiv nicht mehr nur verlegen wenn ich etwas nicht verstehe, die Kommunikation wird fast schon zur Routine. Der Spagat zwischen Autorität und Spielkumpane ist in meiner aktuellen Situation ziemlich schwierig zu meistern.
Wir haben jetzt eine Waschmaschine in der Wohnung, sie macht Geräusche wie ein Maschinengewehr. Passend dazu der Kühlschrank, ein perfekter Imitator eines klassischen Dubstep-Basses. Unser Plan fürs Wochenende: Heute abend sind wir bei Franziska und Konsorten zum Essen eingeladen, mit dabei Räucherkäse, Musikboxen und natürlich von „die gute Vodka“…Morgen dann früh mit Aibek nach Tokmok, ein anderes Waisenheim besuchen, am Sonntag kommt früh dann Nadja und vormittags gehen wir an einen See wandern und picknicken, wie gute alte Leutchens.
Soviel erst einmal zu meinen ersten drei Wochen in meiner neuen Heimat Bischkek, mir geht es gut, alles ist neu und spannend, die Anziehungskraft der Stadt und der Menschen ist groß und authentisch- und erlebt habe ich schon so einiges, ich freue mich auf jeden Fall über Rückmeldung, ganz besonders (wen überrascht’s) über kritische.
Bis zum nächsten Mal: Da Svidanja!
P.S.: Ich bin unter der Handynummer (00996)551252381 zu erreichen, ist meines Wissens sogar recht bezahlbar.
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