Samstag, 21. Januar 2012

Kälte




nur kurz vom Leben im Gefrierfach

Was ist das, Kälte? Vor allem ist es das, wenn man jeden Tag in einem deutschen Gefrierfach lebt. Es ist dann, wenn man beim Laufen aufhört, seine Oberschenkel zu spüren, wenn die Atemluft im Bus an den Scheiben erstarrt, die Passagiere einschließt und das Sonnenlicht so gebrochen alles verschönt, es ist dann wenn der Schnee schon nicht mehr rutschig ist, wenn die kleinen zähen Läden ihre Türen verschließen, wenn Kinder aufgeben und sich heulend an den Wegrand setzen, wenn man froh ist, in einen Raum mit nur minus fünf Grad zu kommen, wenn man draußen niemanden mehr in die Augen schaut, weil man sonst Energie verlieren würde, wenn man Kälte mag und sie trotzdem nicht mehr haben will, weil man in einem Gefrierfach lebt. Dann kann das Kälte sein.

Delhi, eigentlich kein Post

Die ganze Geschichte begann mit dem Vorbereitungsseminar in Berlin. Neunzehn Freiwillige nach Indien, einer nach Kirgistan. Und als wäre es selbstverständlich: „Hej, komm’ uns doch besuchen, wir zahlen dir den Hinflug!“ Niemand hätte im ersten Moment gedacht, dass das wirklich klappen würde. Und es gab natürlich Schwierigkeiten. Es war nicht schwierig, Urlaub zu bekommen, im Projekt hat es niemanden außer die Kinder interessiert, und die haben es leider nicht realisiert (was den Abschied auf Zeit nicht einfacher gemacht hat, ich hätte das nie so erwartet). Es war vielmehr der Flug- ein e-Ticket, was ist denn das für ein Absurdium? Und die wunderbare Uzbekair, die nicht zu den sichersten Gesellschaften gehört, hat natürlich ein paar Stunden vor Abflug noch einmal unbemerkt die Flugroute umgeplant. Deshalb, froh Aaron, im Kopf schon in Delhi, geht zum Check-In: „Nein, dein Ticket ist ungültig.“ Meine vorerst einzige Reaktion war es, einen Apfel zu essen, weil es mir vorkam, als würde der Boden versuchen, unter den Füssen wegzulaufen. Nein, ich habe jetzt bitte kein Flugticket umsonst gekauft. „Entschuldigung, das kann nicht sein, blablabla…“ Es endete damit, dass der Flug aufgehalten werden musste, ich jetzt das Buchungssystem vom Manas International Airport von hinter dem Schalter kenne, im Taxi mit dem unglaublich nicht mehr nüchternen Fahrer auf dem Weg zurück eine Reifenpanne hatte und erst einmal ein halbe Stunde bei minus 20 Grad im schief in der Luft hängenden Taxi warten durfte, mit einem Hirn, das versuchte vor lauter Ohnmacht sich an die Schädelinnenwand zu werfen und dabei auf den Kehlkopf drückte. Und letzen Endes aber auch, dass ich den Flug nach vier verschiedenen Buchungsstellen Umbuchen konnte und die Flughafenmitarbeiter den ehemals tobsüchtigen Ticketlosen mit dem lustigen Russisch am Montag darauf mit einem wohlwollenden Schmunzeln begrüßt haben.
Endlich in Delhi angekommen: Die fast komplette Saket-WG wartete schon, allesamt fabelhafte Leute mit einem großen Herzen. So.

Aus der ereignisreichen Zeit dort nur zwei Erlebnisse:

Weihnachten

Es war eine wunderbare exemplarische Tragikomödie. Für die meisten der ca. 20 Teilnehmer unseres Weihnachtsfestes das erste Mal Weihnachten ohne Familie und sonstige andauernde Verwurzel- und leider auch Verknorpelungen. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich:
1. Der Traditionalist (Ist hier derjenige, der versucht, in Indien deutsche Weihachten zu feiern)
2. Der Alternative (Will feiern, aber mit einem typisch indischen Baum und indischen Trachten)
3. Der Indifferente (Interessiert sich nicht für die ganze Sache oder verhält sich zumindest so). Und schließlich ich, der bei alldem den Diplomaten spielen durfte (und wollte). Au fein. Letzten Endes war man zufrieden, es gab schöne Geschenke, vergessene Geschenke, leckeres Essen, viel Essen, Tränen aus Heimweh und Tränen wegen der öfters wasserlosen Toilette, und es gab am Tag danach eine angenehm gespannte Stille nach der niederdrückenden Weihnachtsgeschichte.

Agra

Die Stadt, die das Taj Mahal beherbergt, sechs Stunden von Delhi. Mit Lukas und Angi mit dem zerlöcherten, eiskalten, wie ein ekstatisch fiepender Wal hupenden Local Bus dorthin, im Gepäck das Nötigste und ein Zelt, welches am Abend noch mitten im nicht allzu großen, zentralen Stadtpark aufgeschlagen wurde. Gegen acht Uhr saßen wir dort gemütlich zusammen. Leicht störend waren die Taschenlampen und die „He, come out, who’s there?“ Rufe. Durch die Reaktion, die ein Hase im Angesicht einer Schlange zeigt, verschoben wir unser Schicksal um eine halbe Stunde, als dann acht Inder, Parkwächter und Polizisten, uns aus dem Zelt geholt haben. Schön, direkt auf einen Schlagstock und dahinter eine MG zu blicken, wenn man herauskommt. Wir mussten unsere Behausung abbauen- nur, kann man sagen, wir hatten den in Indien so pervers großen Ausländerbonus- weil wir im Umkreis von 500 Metern ums Taj unser Zelt in einem Nationalreservat aufgeschlagen hatten. Ups. Freundlich wie die Inder so sind, wurden wir in einen Streifenwagen verfrachtet und eine halbe Stunde mit Blaulicht durch Agra kutschiert. Schlussendlich, nachdem doch entschieden wurde, dass es für uns sicherer (???) sei, nicht im Polizeirevier zu übernachten, wurden wir in ein Hotel verfrachtet. Konsequente Aktion.

Weiteres ist hier eher nicht relevant, letzten Endes waren es für mich Ferien bei und mit guten Freunden und insofern auch Ferien ohne veröffentlichte (Selbst)reflektion, außerdem gibt es Dinge, bei denen es sich nicht lohnen würde (es zu versuchen) sie mitzuteilen.
Darüber hinaus fällt es mir extrem schwer, Delhi zu beschreiben, da die Masse an Eindrücken, die einen zu ersticken versuchen, zu groß ist, als dass man es wagen könnte, den Geruchssinn nicht zu ignorieren und die Ohren nicht zu vermummen und die Augen nicht fast ganz zu schließen.

Zurück in Bischkek: Ruhe. Luxus. Sicherheit. In Kirgistan? Ich danke dir, Indien. Dafür, dass es mir unmöglich erscheint, sich an deine Kultur anzupassen. Dafür, dass du so kaputt bist. Danke.



Tashkent, ein Wohnzimmer/Flughafen/Teehaus

lohnender Kitsch und größenwahnsinnige Perle



Triumvirat (die Geschichtenerzähler, die Skillmaster)

Smog und Verkehr. Man stumpft ab, wird egoistisch, rassistisch und indifferent. Die Stadt zwingt dazu. Sie ist verwirrend giftig.