Sonntag, 25. März 2012

Über die Babuschka

Liebe Blog- Leser! IFrühlingsfrisch vom Zwischenseminar von V.I.A. aus Bangalore, Indien, zurückgekehrt, darf ich darf ein neues, sehr ungerechtes aber praktisches Format vorstellen.
Bild von http://www.seti.ee/narva/uploads/newbb/10167_4911f5ba259f9.jpg

Die „Bábuschka“ (von nun an бабушка), wörtlich und dementsprechend unzureichend übersetzt „Oma“ oder „Großmutter“, ist ein zentrales Element in der hiesigen Gesellschaft, kommt in Varianten aber in allen von der russischen Kultur beeinflussten Gebieten vor. Ihr Erscheinungsbild auf der Straße, wo man sie aufgrund der unerwartet hohen, leider aber von Sekunde zu Sekunde stark fluktuierenden Mobilität allzu häufig antreffen kann, ist sehr wandlungsfähig. Allerdings gibt es die stereotypisierte бабушка, die sich der Beschreibung praktischerweise nicht so widerspenstig entgegensetzt. Sie ist sehr klein, wie ein zwölfjähriges Kind höchstens, was auch an ihrer Haltung liegen kann: In der Hüfte abgeknickt, mit einem leichten Buckel, sodass die sehnigen Schulterblätter fast schon gen Himmel ragen. Diese Haltung hat einen alleinigen Grund- nämlich die Lieblingsbeschäftigung und der eigentliche Daseinszweck der бабушка: Das Fegen. Dazu benutzt die бабушка selbstverständlich den traditionellen Reisigbesen, der eine gebückte Haltung erzwingt. Aber warum fegt die бабушка eigentlich? Und was? Hierzu muss man differenzieren:
  1. Winters…
…befindet sich die бабушка eher in häuslichen Gefilden, sitzt dort in einer Ecke und beherrscht mit ihrem verkniffenen Blick den Raum. Nachdem ihre brave Tochter oder Enkelin gekocht hat, wuselt sie mit steifen Beinen durch das ganze Hause und spielt verschmitzt und seelenruhig oben erwähnte Krümelinquisition. Danach legt sie ihre Kleidung an: Über den Strickpulli eine graue, sehr langhaarige Wolldecke, wie ein Umhang geschlungen, darüber dann ein abgesteppter hellbrauner Mantel, die Füße werden in möglichst viele Wärmehüllen gestopft und das gutmütige, herbe Gesicht rahmt ein Fransenkopftuch mit Blumenstickerei. So eingekleidet watschelt sie zur Bushaltestelle und kommt genau so viel zu spät, dass der Fahrer des ebenso wie sie altersschwachen, aber ewigen Sovjet- Trolleybusses aus Höflichkeit noch anhalten muss. Sie steigt ein und sofort springen drei junge Kirgisen in schwarzen Jeans auf- um ihr zu Helfen und um ihr galant den eigenen Sitzplatz anzubieten. Schon eine Haltestelle vor dem Bazaar, wo sie hin will, steht sie, in der weichen Hand den stark verknitterten Seniorenausweis, mit dem sie kostenlos fährt, neben dem Fahrer. Nachdem sie ihre Einkäufe getätigt hat (ausschließlich Trockenfrüchte und Nähwaren, bei Bedarf der persönliche Reisigbesen) fährt sie den Weg zurück. Mit ihrer Beute setzt sie sich gemütlich vor den Laden des eigenen Kindes, denn es ist …
  1. …endlich nicht mehr Winter!
Dann hilft sie dort entweder beim Verkauf der Waren, oder aber sie stört dort. Falls sie beides nicht tut, spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie unermüdlich den Platz vor dem Geschäft fegt, um den Unrat der heutzutage so verkommen Gesellschaft zu beseitigen. Eine Zeitgrenze, um ihren frommen ökö- politischen Aktivismus auszuleben setzt nur die Natur (Nacht, nicht Rheumaanfall).

Man kann allgemein zu der Rolle der бабушка sagen, dass sie im städtischen, als auch im ländlichen Sozialgefüge ein aktiver, geachteter und unerlässlicher Teil ist. Sie übergibt Traditionen und ist Hüter des häuslichen Glückes- eine interessante Mischung aus putzig und gruselig- eine бабушка eben.

Sonntag, 19. Februar 2012

Fotos

kurz vor Neujahr


meine beiden Erstklässler



Bazaar in Naryn

muslimischer Friedhof oberhalb von Naryn

auf der Hochebene, Blick auf China

Reiter und nette Yaks

Mahl von links die Gastgeberin und ihre Tochter, Lukas, Kasia, eine Bekannte des Hauses, unser Fahrer, ein Sohn

Von wenig zum Wenigen und zurück

Es ist grausam, zu entscheiden, was ich hier in den Blog schreiben soll und was nicht. Fast alles, was ich hier erlebe ist ganz normal im Leben eines jungen Menschen, man trifft sich mit Freunden und fährt dort und woanders hin, redet, kauft ein, geht in Bars, arbeitet, lernt und isst und schläft und... 
Einiges ist es aber nicht.
Denn man macht auch größere Umwege ins entlegene Naryn , um sich Yaks im Hochgbirge an der Grenze zu China anzuschauen. Das war nämlich der Plan, dem Lukas, Kasia und ich folgten, weshalb auch immer. Zuerst zum Busbahnhof für interregionale Busse. Wie falsch ich lag, als ich dachte, dass Kirgisen nicht so penetrant sein können im Anpreisen ihrer Produkte. Nach einer Stunde Wartezeit in der Marschrutka fuhren wir los, auf der Straße in den Osten, Richtung Issyk Köl. Die Straße wurde von den Chinesen gebaut, um den Handel bzw. die Warenschwemme zu ermöglichen. Nach der Abzweigung zum Gebirgspass kam auf glatten Asphalt rissiger, dann löchriger, dann waren es eher Flecken und schließlich kam die finale Stein- und Schotterpiste. Die Fahrer fahren geschickt und todesmutig durch die Schlaglöcher und entgegenkommenden Lastwagen hindurch, um das sowieso schon elendig ausgeleierte Fahrwerk, was das Go-Kart-Feeling der 6-Stunden Fahrt ausmacht, des aus Deutschland importierten Mercedes nicht zur Gänze zu zerstören. Man will trotz Müdigkeit auf der Fahrt nicht schlafen, weil es viel zu sehen gibt: Ein fast ganz zugefrorener Stausee, der sich wie ein welliges Silbertablett kalt in das Tal presst, die erstarrten Gebirgsbäche, die eisig weiter fließen und das Kahl mit einem hervorgequollenen Gelbweiß überziehen, Ayranverkäufer, die in alten Eisenbahnwaggons am Straßenrand in umfunktionierten Bierflaschen ihre Ware der Weite aussetzen. Angekommen: Naryn hat 40.000 Einwohner, liegt auf ca. 2000 m und ist mit einer Pracht an Bergen umgeben. Wir werden von der Mutter einer Freundin der Freundin eines Mitbewohners (über solche Connections geht hier sehr viel) empfangen, der Winter hat die Blutgefäße ihrer Wangen platzen lassen, was ihrem Gesicht ein spinnennetzartig verteiltes Rot gibt. Wir haben sie noch nie gesehen, aber sie zeigt uns ihre Arbeit in der Bibliothek, erklärt uns offen, was sie an Naryn mag und was nicht, dass sie hier das beste Fleisch haben und sonst aber auch nichts, dass es hier amerikanische Peace-Corps- Freiwillige gibt (Warum ist dieses unsinnige, arrogante Land auch überall, genau so wie die obligatorische Lenin Statue? Es ist zwar kalt, aber der Krieg dazu ist zumindest offiziell beendet…) und dass ihre Kinder nicht dort bleiben wollen. Sie zeigt uns unser Hotel, eine überdimensionierte Absteige mit zerfallendem Anbau, in dem anstatt der zersplitterten Scheiben zusammengeschusterte Kartons stecken. Unser Zimmer war billig und warm, und vor allem: Gruselig. Vier Etagen mit je 40 Zimmern, drei Angestellte. Und ungefähr drei Gäste. Lange, krankenhausartig lackierte Gänge mit demotivierten, Dunkelteiche übrig lassenden Hängelampen. Absolute „The Shining“ Szenerie!
Am nächsten Morgen ging es dann mit einem ächzenden VW vom Nirgendwo ins echte Nirgendwo, noch näher an die Grenze zu China, noch näher an den Mond, weg von allem, was Menschen geschaffen haben, außer: Zwei kleine Lehmhäuser, die wahllos auf die sich lang ersteckende verschneite Hochebene gesetzt wurde, daneben ein leeres umzäuntes Gebiet. Mit uns fuhr ein dort wohnender kleiner Bauernjunge, Azamat, mit türkisblauen, wachen Augen und einer Haut, die ein wenig an mit Öl bepinselte Brotkruste erinnert. Er musste zuerst seinen Vater rufen, der uns dann die Yaks zeigen wollte. Zehn Minuten später sahen wir ihn: Auf dem Hügel, der sich vor die endlose Gebirgskette am Horizont schob, konnte man gegen die Sonne die stolze Silhouette eines Reiters ausmachen: Vor ihm stapften dreißig kleine beinlose Wollknäuel mit viel zu großen, wankenden Köpfen und schwarzen Knopfäuglein, die die Mächtigkeit der Szene irgendwie nicht ganz ernst zu nehmen gewollt waren. Wir konnten dann die Yaks anschauen, die extrem scheu waren und immer wegrannten, danach hat er uns auch angeboten auf seinem Pferd ein bisschen zu reiten. Währenddessen redeten wir die ganze Zeit mit unserem lustig-konservativen Fahrer über Heirat: „Also ihr in Europa habt’s ja doof, hier schnappt man sich einfach die Frau, die man möchte und heiratet sie.“ „Ja, und was sagt die dazu?“ „Sie hat nicht so viel Zeit zu reden, wenn sie doch kochen muss!?“ Es ist einfach zu stereotyp. Interessant, dass er uns stolz später berichtet, dass in Ош (Osh) die Frauen beim Essen die Männer bedienen müssen, sodass man nur ihre Hand sehen kann. Ist sicherlich auch eine interessante Lebensaufgabe, sich darin zu perfektionieren. Well. Zurück nach Naryn, neben uns auf einem Sitz drei Kinder mit derselben Brotkrustenhaut wie Azamat und einem Kanister mit frischem Blut zwischen den Füßen, zurück fahren wir zu unserer lieben Gastgeberin, die schon gekocht hat. Brav so, sonst hätte es aber auch..:! Karottensalat mit Knoblauch und Kartoffelsalat mit roter Beete, selbstgebackenes Brot. Hungrig essen wir, stuhllos (nicht aus Mangel) sitzend, es ist köstlich. Danach noch Plov – Reis mit Karotten, Öl und sehr fettem Fleisch- in Massen, höflich überdehnen wir unsere Mägen, danach zwei Wodka (Zitat der Mutter zu ihrem Kind „Ach, stör’ doch nicht, wenn Mama trinkt!“)- zwei deshalb, weil man bei ungeraden Zahlen nicht heiraten wird, und irgendwie geht’s anscheinend immer um Heirat. Beachtenswert auch die Wünsche, die uns die Gastgeberin ausspricht:
„Auf dass ihr immer das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden könnt.“
Auf ein Wort, das kann man brauchen!

Nun, es bleibt spannend, liebe Leser, der Frühling hier in Bischkek kommt nun endlich zögerlich in die Stadt.
Bis dann,
Aaron

Samstag, 21. Januar 2012

Kälte




nur kurz vom Leben im Gefrierfach

Was ist das, Kälte? Vor allem ist es das, wenn man jeden Tag in einem deutschen Gefrierfach lebt. Es ist dann, wenn man beim Laufen aufhört, seine Oberschenkel zu spüren, wenn die Atemluft im Bus an den Scheiben erstarrt, die Passagiere einschließt und das Sonnenlicht so gebrochen alles verschönt, es ist dann wenn der Schnee schon nicht mehr rutschig ist, wenn die kleinen zähen Läden ihre Türen verschließen, wenn Kinder aufgeben und sich heulend an den Wegrand setzen, wenn man froh ist, in einen Raum mit nur minus fünf Grad zu kommen, wenn man draußen niemanden mehr in die Augen schaut, weil man sonst Energie verlieren würde, wenn man Kälte mag und sie trotzdem nicht mehr haben will, weil man in einem Gefrierfach lebt. Dann kann das Kälte sein.

Delhi, eigentlich kein Post

Die ganze Geschichte begann mit dem Vorbereitungsseminar in Berlin. Neunzehn Freiwillige nach Indien, einer nach Kirgistan. Und als wäre es selbstverständlich: „Hej, komm’ uns doch besuchen, wir zahlen dir den Hinflug!“ Niemand hätte im ersten Moment gedacht, dass das wirklich klappen würde. Und es gab natürlich Schwierigkeiten. Es war nicht schwierig, Urlaub zu bekommen, im Projekt hat es niemanden außer die Kinder interessiert, und die haben es leider nicht realisiert (was den Abschied auf Zeit nicht einfacher gemacht hat, ich hätte das nie so erwartet). Es war vielmehr der Flug- ein e-Ticket, was ist denn das für ein Absurdium? Und die wunderbare Uzbekair, die nicht zu den sichersten Gesellschaften gehört, hat natürlich ein paar Stunden vor Abflug noch einmal unbemerkt die Flugroute umgeplant. Deshalb, froh Aaron, im Kopf schon in Delhi, geht zum Check-In: „Nein, dein Ticket ist ungültig.“ Meine vorerst einzige Reaktion war es, einen Apfel zu essen, weil es mir vorkam, als würde der Boden versuchen, unter den Füssen wegzulaufen. Nein, ich habe jetzt bitte kein Flugticket umsonst gekauft. „Entschuldigung, das kann nicht sein, blablabla…“ Es endete damit, dass der Flug aufgehalten werden musste, ich jetzt das Buchungssystem vom Manas International Airport von hinter dem Schalter kenne, im Taxi mit dem unglaublich nicht mehr nüchternen Fahrer auf dem Weg zurück eine Reifenpanne hatte und erst einmal ein halbe Stunde bei minus 20 Grad im schief in der Luft hängenden Taxi warten durfte, mit einem Hirn, das versuchte vor lauter Ohnmacht sich an die Schädelinnenwand zu werfen und dabei auf den Kehlkopf drückte. Und letzen Endes aber auch, dass ich den Flug nach vier verschiedenen Buchungsstellen Umbuchen konnte und die Flughafenmitarbeiter den ehemals tobsüchtigen Ticketlosen mit dem lustigen Russisch am Montag darauf mit einem wohlwollenden Schmunzeln begrüßt haben.
Endlich in Delhi angekommen: Die fast komplette Saket-WG wartete schon, allesamt fabelhafte Leute mit einem großen Herzen. So.

Aus der ereignisreichen Zeit dort nur zwei Erlebnisse:

Weihnachten

Es war eine wunderbare exemplarische Tragikomödie. Für die meisten der ca. 20 Teilnehmer unseres Weihnachtsfestes das erste Mal Weihnachten ohne Familie und sonstige andauernde Verwurzel- und leider auch Verknorpelungen. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich:
1. Der Traditionalist (Ist hier derjenige, der versucht, in Indien deutsche Weihachten zu feiern)
2. Der Alternative (Will feiern, aber mit einem typisch indischen Baum und indischen Trachten)
3. Der Indifferente (Interessiert sich nicht für die ganze Sache oder verhält sich zumindest so). Und schließlich ich, der bei alldem den Diplomaten spielen durfte (und wollte). Au fein. Letzten Endes war man zufrieden, es gab schöne Geschenke, vergessene Geschenke, leckeres Essen, viel Essen, Tränen aus Heimweh und Tränen wegen der öfters wasserlosen Toilette, und es gab am Tag danach eine angenehm gespannte Stille nach der niederdrückenden Weihnachtsgeschichte.

Agra

Die Stadt, die das Taj Mahal beherbergt, sechs Stunden von Delhi. Mit Lukas und Angi mit dem zerlöcherten, eiskalten, wie ein ekstatisch fiepender Wal hupenden Local Bus dorthin, im Gepäck das Nötigste und ein Zelt, welches am Abend noch mitten im nicht allzu großen, zentralen Stadtpark aufgeschlagen wurde. Gegen acht Uhr saßen wir dort gemütlich zusammen. Leicht störend waren die Taschenlampen und die „He, come out, who’s there?“ Rufe. Durch die Reaktion, die ein Hase im Angesicht einer Schlange zeigt, verschoben wir unser Schicksal um eine halbe Stunde, als dann acht Inder, Parkwächter und Polizisten, uns aus dem Zelt geholt haben. Schön, direkt auf einen Schlagstock und dahinter eine MG zu blicken, wenn man herauskommt. Wir mussten unsere Behausung abbauen- nur, kann man sagen, wir hatten den in Indien so pervers großen Ausländerbonus- weil wir im Umkreis von 500 Metern ums Taj unser Zelt in einem Nationalreservat aufgeschlagen hatten. Ups. Freundlich wie die Inder so sind, wurden wir in einen Streifenwagen verfrachtet und eine halbe Stunde mit Blaulicht durch Agra kutschiert. Schlussendlich, nachdem doch entschieden wurde, dass es für uns sicherer (???) sei, nicht im Polizeirevier zu übernachten, wurden wir in ein Hotel verfrachtet. Konsequente Aktion.

Weiteres ist hier eher nicht relevant, letzten Endes waren es für mich Ferien bei und mit guten Freunden und insofern auch Ferien ohne veröffentlichte (Selbst)reflektion, außerdem gibt es Dinge, bei denen es sich nicht lohnen würde (es zu versuchen) sie mitzuteilen.
Darüber hinaus fällt es mir extrem schwer, Delhi zu beschreiben, da die Masse an Eindrücken, die einen zu ersticken versuchen, zu groß ist, als dass man es wagen könnte, den Geruchssinn nicht zu ignorieren und die Ohren nicht zu vermummen und die Augen nicht fast ganz zu schließen.

Zurück in Bischkek: Ruhe. Luxus. Sicherheit. In Kirgistan? Ich danke dir, Indien. Dafür, dass es mir unmöglich erscheint, sich an deine Kultur anzupassen. Dafür, dass du so kaputt bist. Danke.



Tashkent, ein Wohnzimmer/Flughafen/Teehaus

lohnender Kitsch und größenwahnsinnige Perle



Triumvirat (die Geschichtenerzähler, die Skillmaster)

Smog und Verkehr. Man stumpft ab, wird egoistisch, rassistisch und indifferent. Die Stadt zwingt dazu. Sie ist verwirrend giftig.

Dienstag, 22. November 2011

шоро, eines der spaßigen milchprodukte hier
im canyon



lightpainting

November


Nach einer Pause, die mir wohl aufgrund des Erlebten als lang erschien, melde ich mich wieder, aus dem Bischkek, das nun schon seit mehr als zwei Monaten meine Wahlheimat ist:

Die vierte Wanderung:

Die letzte sonntägliche Wanderung führte uns und die Truppe in verknorpelte Gesteinsschluchten und den wilden Westen der kirgisischen Halbsteppe. Doch wie es dazu kam: Durch eine Fehlinformation haben wir gedacht, dass morgens um sechs Uhr Kurman Ait, das muslimische Totengedenkfest, auf dem Ala Too gefeiert werden würde- in Erwartung tausender Gebetsteppiche und simultanen Verneigungen kamen wir im nächtlichen Licht dort an und fanden nichts als neonfarbene Straßenreiniger vor. Dafür dann auf dem Weg: Ein Halt in Tokmok, die dortige Versammlung an der Moschee, nur Männer, irgendwie sahen alle ganz unverkrampft aus, nicht so wie die schuldbewussten großmütterlichen Gutmenschen die in Europa in der Kirche allzu häufig anzutreffen sind. Das Gebetshaus kann man als Sovjet- Moschee bezeichnen, eine Mischung aus Minarettansammlung und Kommunenhaus. Kurz vor den Canyons kommen wir durch ein Dorf, das inmitten einer ausgedehnten Talsohle liegt, die mit mannshohem braungelbem Gras bewachsen ist. Hier sieht man, wie krass der Unterschied hier zwischen Land und Stadt ist: Neben den Häusern lagern Lehmziegel, die dort darauf warten, vom frisch verheirateten Zwanzigjährigen zu einer Unterkunft für seine Familie gestapelt zu werden. Es gibt keine Straße mehr, an die das Haus einmal angrenzen wird, nur ein durchlässiger schiefer Holzzaun unterscheidet die Kultur von der Natur und der Strick am Halfter des Esels, der geduldig seine vier Beinchen unter sich streckt, und vielleicht der Friedhof, der mit vom Wind zerfressenen Eisenjurten mit Halbmondaufsatz und den verwitterten grauen Miniaturpalästen wahllos sich in die Landschaft einfügt.

Wir steigen in den Canyon ein, die Weite der Ebene verwandelt sich augenblicklich in die dynamische Enge der zinnoberroten Steinwände; über uns ist der Himmel nur zwei Meter breit, und trotzdem findet der aufgeschreckte Adler seinen Weg hindurch, als nur für einen zu kurzen Augenblick sein Schatten direkt über uns gleitet. Überall finden wir Nistplätze, bis die Schlucht in einer krassen Steinwand endet. Wie so oft bemerkt man wie unbeholfen man hier als Mensch sein muss: Besonders auffallend die raumgreifenden Entdeckerposen des Ehepaares mit der Spiegelreflex, die sich alle drei Sekunden dazu erbarmen muss, schon wieder einen der beiden Griesgrame abzulichten. Wir fahren weiter, gehen durch einen anderen Canyon- im Frühling wird dort wohl alles mit Tauwasser durchspült und gemästet- halb absichtlich verirre ich mich dort irgendwo und genieße die Situation, auf niemanden als mich Rücksicht nehmen zu müssen.


Сомсы-проект

Das Comce- Projekt, benannt nach den frittierten Teigtaschen, fand letzten Samstag statt. Es dauerte acht Stunden. Es war grausam, und es war bisweilen das interessanteste was wir hier unternommen haben. Kasia hatte das Angebot einer polnisch- kirgisischen Website einen Artikel über das Leben in Bischkek zu schreiben, bekommen- und ich habe das Bildmaterial für den Bericht liefern dürfen. Unser Plan war, den Dordoij-Bazaar darzustellen, und zwar exemplarisch am Arbeitstag einer der Verkäuferinnern mit den alten Kinderwagen. Die ersten Versuche der Interviews waren kläglich, auch für Porträts bekamen vorerst wir keine Erlaubnis. Dann der Durchbruch, die Reaktion in Klammern: „Entschuldigen Sie (steinerne Mine) , darf ich fragen, wissen Sie (abweisende Mine), ich habe eine Mutter („Oh ja, ich habe auch Kinder!“), in Deutschland, und die weiß überhaupt nicht was ich hier mache und wie es mir geht („Oh je, mein Kiiiiind, das würde ich so nicht wollen.“) , also wollte ich ihr ein paar Fotos schicken, die zeigen wie die Kirgisen denn so sind, was für nette Leute („ Ja ich bin nett!“) es hier gibt.“ Böse Lüge, aber für die Leute mach es ja keinen Unterschied- also utilitaristische Lüge. Danach kam man leicht ins Gespräch, wir haben viel über den Alltag dort erfahren und interessante Leute kennen gelernt, mir wurde sogar eine Heirat für einen guten Preis angeboten. Den fertigen Artikel poste ich hier in der Form von Google-Translator, mit ein paar (noch eine Lüge!) grammatikalischen Verbesserungen, darüber der Originallink mit den Fotos, und: Von der Sorte Artikel werden noch ein Paar kommen, die Website hat extra für uns die Rubrik „Feuilleton“ eingerichtet!

www.kyrgyzstan.pl/pl/artykuly/felietony/789-jarmark-azja-zapiski-z-kirgiskiego-bazaru-dordoi.html


Für die meisten Verkäufer auf Dordoi beginnt der Tag sehr früh. Zur Vorbereitung um die Lieferung rechtzeitig zum ersten ungeduldigen Kunden benötigen müssen sie um ungefähr fünf Uhr morgens beginnen.

Es beginnt jeden Tag im Morgengrauen, deshalb feiern viele Menschen in scheinbar endlosen Reihen von Ständen das gleiche Ritual. Sie müssen zwei Container geöffnet haben- der untere, dient als "point of sale" und der oben dient als Lager. Die Männer transportieren schnell und effizient Ware von oben nach unten, zusammen auf behelfsmäßigen Leitern balancierend. An der Unterseite setzen die Frauen ihre Waren in Übereinstimmung mit der einzigen vorhandenen Regel so eng wie möglich und so: So viel wie möglich zu zeigen, sie nutzen jeden Millimeter Platz. Nur damit der Kunde die Wahl hat; um zu sehen, wie viel der Verkäufer zu bieten hat. Tatsächlich hat der größte Bazaar in Zentralasien und einer der größten auf dem ganzen Kontinent viel zu bieten. Hier kann man buchstäblich alles kaufen - Elektronik, Kleidung, Lebensmittel, Geräte, lebende Tiere. Diese Vielzahl von Waren, auf den ersten Blick überwältigend, und der Eindruck vom Raum Dordoi ist extrem chaotisch. Aber wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass es eine gültige Ordnung mit etablierten Prinzipien gibt. Der ganze Basar ist in Teile, wo man Waren aus verschiedenen Ländern kaufen kann unterteilt. Es gibt daher den türkischen Teil, den chinesischen und ein bisschen exklusiver- den der europäischen Fraktion. Es gibt auch separate Zeilen, in denen nur eine Art von Produkt verkauft wird, daher können Sie für Stunden auf dem "Wege der Schuhe" oder den "Promenaden der Hausgeräte" zu gehen.

Den Aufbau und die Logik des Umgang mit einer Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern der Shopping- Welt kennen zu lernen ist eine echte Herausforderung für einen unerfahrenen Kunden. Ein Moment der Unachtsamkeit und man könnte durch eine Schubkarre beladen bis zum Rand zu Boden getreten werden. Aber mehr als 30.000 Menschen arbeiten hier - Händler, Wachpersonal, Pförtner, ambulante Anbieter von traditionellen Gerichten denen der Basar ein Ort vertraut und sicher ist, hier arbeiten ihre Familien, sie haben Freunde hier. Dordoi macht Zeitweise den Eindruck einer separaten Welt, völlig unabhängig von dem Leben der Hauptstadt. Der Verkauf von Brot und Snacks von einem Kinderwagen aus, so arbeitet Bermet, eine hübsche Frau mit anmutigen Bewegungen, was selten in Bischkek anzutreffen ist.


Die 53 Jahre alte Frau lebt in der Nähe des Basars, und sieht keinen Grund, für die eine Stunde in einer unglaublich überfüllten Marschrutka verbringen würde, nur um ins Zentrum zu kommen. Ausserdem, auch wenn es ein Grund wäre, es wäre so schwierig, Zeit zu finden. Bermet arbeitet sieben Tage die Woche, auch an Feiertagen.Natürlich hätte ich lieber einen normalen Job in einem Büro oder im Büro, er würde und feste Löhne und sonntags kostenlos. Man könnte auch die Zeit verbringen, wahrscheinlich anständige Festtage mit seiner Familie.“ Wir reden am Tag vor dem Kurman Ait - Fest der Verstorbenen - eine der wichtigsten muslimischen religiösen Feierlichkeiten, die traditionell mit den engsten Bekannten gefeiert wird. Am Dordoi sind bereits die Vorbereitungen für die Feier zu sehen, in denen man fast jede zweite Gasse einen Schafskopf, das traditionelle Gericht, kaufen kann.

Bermet möchte sich natürlich aus Anlass des Festes Zeit nehmen, aber sie braucht Geld, um ihre Tochter im Studium zu unterstützen.Arbeiten auf dem Basar ist nicht so schlimm, es ist ruhig, die Menschen sind freundlich. Aber junge Menschen wollen nicht hier bleiben, sie wollen in die Welt gehen. Vielleicht ist es gut, ich habe öfter vor kurzem gehört, dass Dordoij schließen wird, so ist es vielleicht besser, die Kinder wären mit etwas anderem beschäftigt, da hier die Zukunft ungewiss ist. Gerüchte über einen möglichen bevorstehenden Herbst des Basars erschienen im Zusammenhang mit der Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Weißrussland.

Foto Nr. 4: Vorbereitung für den Festtag Kurman Ait - mit Hammelfleisch- stehen an

Wegen der Zölle auf importierte Waren stiegen die angeschriebenen Preise drastisch nach oben, was sich hauptsächlich auf den Verkauf von billigen Waren aus China bezieht, auf dem Dordoi auffällig basiert. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Kunden erheblich verringert. Im Januar 2012 wird die Kirgisische Republik deren Gewerkschaft, die nach Meinung der Analysten die Situation verschlimmern kann, vielleicht sogar das Ende der fast zwanzig-jährigen Geschichte des größten Basar in der Region herbeizuführen. Bermet will zu diesen Berichten keine Stellung nehmen. Sie sagt, dass alle Probleme durch die Regierung und die Politiker verursacht werden, und sie ist nicht an Politik interessiert. Sie will weiter dort arbeiten, so wie es jetzt ist seit 11 Jahren. Am nächsten Tag geht sie also wieder von Stand zu Stand, verteilt Brot an andere Einzelhändler. Vorerst gibt es keine Kosten, aber nur in ihrem kleinen Notizbuch, macht sie geheimnisvolle Notizen, bestehend aus Abkürzungen und Zahlen. „Warum müssen sie nichts bezahlen? Ich schreibe die Container-Nummer auf. Die Zahlung kommt dann am Ende des Tages. Sie zahlen immer. Sie haben mich nicht getäuscht, hier sind wir wie eine Familie. Bermet glaubt, dass dieses Vertrauen Dordoi überleben helfen wird, und im entscheidenden Moment Händler vereinen wird und so dem Zusammenbruch Widerstand leistet 


Der Verkaufsstand mit türkischen Teppichen: Machabat ist nicht so optimistisch. Sie fuchtelte mit den Armen energisch und erzählt die Geschichte, wie sie wegen der Zollunion die Preise zu erhöhen hatte und sie so viele Kunden verlor.Durch diese ganze Politik verlieren wir den gewöhnlichen Kunden. Sehen Sie, wie viele von uns schon zusammenbrechen!“

Foto Nr. 7: Machabat mit ihrer Tochter auf dem Hintergrund ihrer Kabine mit Teppichen
Ihre Weibliche Hand weist auf die angrenzenden Gassen. Tatsächlich sind die gleichmäßig Reihen von grünen Behältern dicht geschlossen. Machabat und ihre ganze Familie arbeitete in Dordoi von Anfang an, also würde der Fall des Basars eine echte Katastrophe für sie bedeuten. Aus diesem Grund hält die Frau mit Angst den Überblick über alle Berichte und beobachtet sorgfältig, was in dem Basar passiert. Sie ist auch bereit zu kämpfen.Wenn es sein muss, muss es sein. Wir kümmern uns um uns, und sie sich um sich. Schon einmal waren wir bereit, unseren Besitz zu verteidigen.“ Machabat erzählt, wie während der letzten Revolution die Verkäufer befürchteten, dass die Unruhen sich aus der Stadt bewegen und dass der Bazaar auch ein Opfer der Plünderer würde. Machabat gibt zu, dass bis zu diesem Zeitpunkt es nicht so dramatisch ist- trotz all ihrer ernsten Ängste zu glauben, dass Dordoi fallen kann. Dieser Markt ist schließlich die Essenz von Kirgisistan, ein Symbol des Landes und der gesamten Region. Können Sie sich Bishkek ohne den Bazaar vorstellen? Es ist unmöglich. Was aber, wenn die Situation eine unerwartete Wendung nimmt und die Familie die Passion zu türkischen Teppichen aufgibt und Machabat einen neuen Job sucht? Die Frau sinnt für eine ganze Weile, dann lächelt aber kokett. Trotz dass klar die Müdigkeit in ihrem Gesicht gezeichnet ist, geht noch immer von ihr eine unglaubliche Energie und Charme aus.Oder Sie gehen nach Europa? Ich habe eine wunderschöne Tochter, ich bin sicher, sie würde einen Ehemann finden.
Vielleicht würde es für uns eine Chance auf ein besseres Leben sein?“


Davon abgesehen ist auf dem Bazaar mir besonders aufgefallen:
Die abgedämpften Stimmen im schummrigen Licht bei den Pelzmützenhändlern, die beklemmende Arbeitsamkeit bei den illegalen Vorhangnäherinnen, die Rufe der Karrenschieber, das laute Kreischen der Tesafilmrolle beim Einpacken, die riesigen Haufen an bunten Fruchtbonbons, die begabte Englischschülerin, die trotzdem krank, frierend und einem Tränenausbruch nahe dort billige Hausschuhe verkaufen muss, weil sie sich den Unterricht nicht mehr leisten kann, die Küchenhilfe aus dem Projekt mit den vier Goldschneidezähnen, die im Bazaar Plastiktüten verkauft, die zusammengeschusterten Schaufensterpuppen, die durchleuchteten Marienkäferregenschirme, die Emailleeimer, die sich lautlos in der Sonne stapeln, und allgemein: Der krasse Wechsel der gesamten Szenerie an jeder Kreuzung, man weiß nie, was einen um die nächste Ecke erwartet (toter Hund auf der Müllhalde, endlose leere Lagerreihen im türkischen Sektor, Kronleuchter und Waschmaschinen, brüllende Menschen, stumme Menschen, im Endeffekt nur viele Menschen…).
Man stelle sich vor, der Satz gehe acht Stunden so weiter.
Klar, am Ende: Am Ende. Ein absurdes Gefühl des Schwimmens im Waren- und Menschenstrom, nur wie zufällig wird man von bunten Wellen an den Ausgang getragen, bis man völlig konfus sich in die letzte Marschrutka nach Hause quetschen darf.


Besonders begeistert (fast so begeistert wie von den neuen Stickern auf meiner Tastatur, mit der man jetzt auch kyrillisch schreiben kann!) war ich davon, dass wir die Interviews alle auf Russisch führen konnten, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber trotzdem ist das ein gutes Gefühl. Außerdem wird der Bericht in einer polnischen Studentenzeitschrift gedruckt; allgemein ist unsere Zusammenarbeit recht produktiv: Am Sonntag werden wir einen Artikel über die Komus, das nationale Kirgisische Saiteninstrument und ihre Herstellung und Bedeutung in der hiesigen Kultur verfassen, indem wir einen Komus-Meister, dessen Telefonnummer wir heute überraschend einfach auf dem Bazaar erfragt haben, außerhalb der Stadt dazu interviewen. Außerdem haben wir einen sinnigen Kurzfilm über einen Stromausfall gedreht und wir werden beim Bischkek Film Festival „Mein Kirgistan“ in der Kategorie „Experimentalfilm“ teilnehmen- spannende Sache, es macht richtig Spaß, auf jeden Fall. (Kurze Story von den ersten Aufnahmen zum diesem Projekt: Wir sitzen in einem trockengelegten Brunnen im Park mit eine Spritze in der Hand, in der nicht mehr ganz frischer Kefir sich befindet. Die Polizei war recht verwirrt, hat sich dann aber nach einigen Erklärungsversuchen verwirrt abgewandt, „Ausländer mal wieder“…)


Im Projekt

Aus Faulheit nur stichwortartig:

Es fand ein Herbstkonzert statt, ganz russisch, mit Kindern die Gedichte wie: „Hallo, ich bin die Karotte -ich bin lecker und mich mag die Lotte“ und halbdisziplinierten Kindern die im Chor den Herbst begrüßen. Eine Woche darauf das Konzert der Berühmtheiten(eine weißblonde Kirgisin die Flamenco tanzt? Zu komisch), ab und zu kommen immer Leute in unser Projekt und filmen oder machen einen Rundgang und schauen sich alles an- es ist ziemlich seltsam, so zooartig. Aber das ist nun mal so mit Sozialprestige.
Ab und zu gibt es unter den Kindern einen Wechsel, manchmal hat einer keine Lust mehr und lebt für zwei Wochen auf der Straßen und kommt dann erschöpft und zerfetzt zurück oder jemand wird von den Eltern wieder aufgenommen (wie gütig!) und kommt dann desillusioniert wieder nach dem Wochenende zurück- irgendwie schaffen die Kinder es größtenteils aber trotzdem, ihre Eltern als Vorbilder zu haben. Bewundernswert und fatal. Die wenigsten betrachten das Heim als ihre Heimat, erzählen immer noch von „zu Hause“, wo alles gut ist. Ich weiß immer noch nicht wie krass die Umstände dort wirklich sind, weil ich nie den Vergleich hatte. Die Kinder fühlen sich meines Eindruckes jedenfalls wohl im Zentrum. In Kombination damit, dass ihr Zuhause woanders ist, interessant: Eine Umgebung als Heimat zu betrachten die man gleichzeitig als abstoßend empfindet (denn sonst würden die Kinder ja nicht im Heim leben)?

Der Wander der тихий час
Die Ruhestunde nach dem Mittagessen ist nie gleich: Eine Woche wurde sie radikal durchgezogen, auch Nadja und ich haben eine Stunde geschlafen, diese Woche dann wieder nicht und wir haben Klappkarten und Zieharmonikamännchen gebastelt oder mit dem Englisch- bzw. Deutschunterricht anzufangen.

Der Wandel meiner Rolle. Durch wachsende Sprachkenntnisse werde ich immer mehr zur Autorität, oder auch nicht: „Warum hört ihr nicht auf ihn, er ist doch unser Kommandant!“
Oder die Situation, als ich mit allen zwanzig Jungs allein gelassen wurde und amerikanische Militärkommandos mit ihnen durchproben sollte- totales Chaos.

Ich will nicht mehr spielen, bäh. Ich bin froh dass ich mittlerweile nicht immer mitspielen muss, dass die Regeln eingehalten werden. Trotzdem: Ich hoffe, dass das Vogelhäuschenprojekt, das ich in der ultramodern ausgestatteten, nie genutzten Werkstatt plane, viel Zeit in Anspruch nimmt.
Bei uns arbeiten: Die Putzfrau, die auch als Konzertpianistin arbeitet und ihr hyperaktiver Sohn, der bei jeder Bewegung ein Gesicht macht, als ob er von innen heraus zu platzen drohe (ich glaube so absurd ist das gar nicht, seine Adern sind manchmal echt unheilverkündend). Oder auch die Küchenhilfe mit den Goldzähnen, die man ab und zu auf dem Bazaar treffen kann wie sie sich dem Verkauf von Plastiktüten an Einkaufende ein Zubrot verdient.

Und wieder einmal beim Zurückbringen der drei Jungs von der Schule Probleme: Es regnet und es ist kalt, aber nein, Yilgiz braucht weder Jacke noch Jackett und schmeißt beides weg. Nun, ich bin kein Sklave, wir gehen weiter, er soll es selber mitnehmen. Auf dem Weg weise ich ihn mehrmals darauf hin, dass wir auf ihn warten können, sodass er seine Sachen holen kann. Nein, alleine wolle er nicht. Die Anderen wollen auch nicht, also gehen wir zu Zweit, was heißt: Ich gehe vor und er widerwillig hinterher. Er hebt die Jacke natürlich nicht auf, also muss ich sie nehmen (Man ist immer im Zwiespalt zwischen dem, was man als pädagogisch sinnvoll erachtet und der Tatsache, dass man im Laufe des Tages dann auch mal nach Hause will). Wir gehen wieder zur Bushaltestelle als ich merke, dass er auf dem Rückweg auch seinen Rucksack als unnötig empfunden hat. Geduld- ohne zu viel zu dulden, schwierig. Dieselbe Prozedur noch ein Mal. Im Bus ist ihm dann kalt, eigentlich sollte er die Jacke nicht bekommen, das wäre konsequent. Andererseits wäre ich daran schuld, wenn er morgen wegen Krankheit nicht in die Schule kann.
Auf der anderen Seite Erfolge: Ich versuche, die Kinder zu erziehen, mich aber möglichst wenig in ihr Spiel oder ihre Idee einzumischen. Manchmal klappt’s, wenn sechs klatschnasse Wesen in Plusterjacken friedlich im Bus miteinander reden und spielen, mir ab und zu stolz ihre Ergebnisse zeigen und aufstehen wenn die Beine einer Babuschka nach einem Sitzplatz lechzen.

Und ganz direkt:„Stimmts, wir sind anstrengend?“ Es lässt sich nicht leugnen. Aber zur gleichen Zeit eben nicht, im Blog einer Freundin ist dies passend ausgedrückt: Sie geben so viel Energie, aber sie nehmen sie auch.
Man weiß nur nie genau, wo es sich in der Balance hält.


Und wieder einmal: AUGENBLICKE IN BISCHKEK

Der waffenstarrende Raureif der am kalten Morgen von einer stahlfahlen Sonne belichtet wird.

Das Aitiev-Museum und der Mix aus Sovjetkunst, kirgisischer Landschaft und der Vorstellung von kunstökologischen Projekten

Der rostige Vergnügungspark aus Vorzeiten, der kurz vor dem wirtschaftlichen und physikalischen Zusammenbruch steht

Inmitten von exklusiven Hotels das Lager der stummelzähnigen schwankenden Zigeuner mit dem winterlichen Kamel und einer Waage für Müll

Die überfüllte juristische Akademie mit den Trauben von noch jungen zukünftigen Kafkaesken

Die Kombination von Prokofieff’s Peter und der Wolf Melodie und den das Brot kaufenden bekopftuchten Hausfrauen im Supermarkt an der Ecke

Die zwei Herren, die sich auf einer Hauptstraße stolz ihre Revolver gegenseitig zeigen.

Die Kombination aus der Orchesterversion der James Bond Melodie und dem Herrn im grauen Mantel, der rückwärts auf einem Spielplatzelliptaltrainer strampelt

Die hutzligen Babuschkas die mit den grell gestreiften „Rave Girl“ Plastiktüten durch die Gegend humpeln

Die missionierenden Christinnen und ihr köstliches und höllisch abschätziges Lass-uns-fortziehen-Schwester-den-können-wir-vergessen Gesicht nach zwei Minuten Gespräch

Die Gruppe von beschäftigungslosen Schachspielern im Halbgebüsch

Die rosige Möchtegern-Dame im randvollen Bus, die sich jedes Mal angeekelt dort anfasst, wo sie jemand unabsichtlich berührt hat, mit einem Gesicht und einer Gestik, als wäre sie gerade schwer verwundet worden.

Die ausgelaugte und dankbare Mutter eines dreißigjährigen Sohnes im Rollstuhl und ihre symbolischen Helferssom

Die Menschenmasse aus Menschenmasse

Die Abschiedsparty für die holländischen Hipster-Designer (www.rawcolour.nl), daraufhin die unglaublich deplatzierte Hoola-Hoop-Tänzerin und ihr Freund der halbnackte Clown, dessen Witz niemand verstehen konnte

Und so oft: Die bösartige, hinterlistige, unfassbare russische Grammatik die bei Deklinationen jedes Wort bis zu Unkenntlichkeit zerhackstückeln muss- und die ich gerade deswegen umso mehr lieben muss

…so, das war’s fürs Nächste- und natürlich: Man kann gespannt bleiben.
Ich habe mich letztens übrigens sehr gefreut, als jemand angemerkt hat, dass der Blog unter anderem auch lustig sei: Ich finde vieles eigentlich lustiger als erstaunlich.
Erstaunlich. (höhöö!)

p.s.: Organisatorisches: Am 6. Dezember bekommen wir endlich unser Jahresvisum, mit mehrfacher Einreise, (Ja, endlich legal!) sodass ich dann von 22.12. bis 6.1. in Delhi sein kann- ich hoffe dass das klappt. Und ja. Nachdem mir meine Bankkarte gestohlen worden wurde, habe ich endlich über zehn Umwege eine Neue. Ein großes Danke hier an meine Elterleins, die das so hinbiegen konnten.