Nach einer Pause, die mir wohl aufgrund des Erlebten als lang erschien, melde ich mich wieder, aus dem Bischkek, das nun schon seit mehr als zwei Monaten meine Wahlheimat ist:
Die vierte Wanderung:
Die letzte sonntägliche Wanderung führte uns und die Truppe in verknorpelte Gesteinsschluchten und den wilden Westen der kirgisischen Halbsteppe. Doch wie es dazu kam: Durch eine Fehlinformation haben wir gedacht, dass morgens um sechs Uhr Kurman Ait, das muslimische Totengedenkfest, auf dem Ala Too gefeiert werden würde- in Erwartung tausender Gebetsteppiche und simultanen Verneigungen kamen wir im nächtlichen Licht dort an und fanden nichts als neonfarbene Straßenreiniger vor. Dafür dann auf dem Weg: Ein Halt in Tokmok, die dortige Versammlung an der Moschee, nur Männer, irgendwie sahen alle ganz unverkrampft aus, nicht so wie die schuldbewussten großmütterlichen Gutmenschen die in Europa in der Kirche allzu häufig anzutreffen sind. Das Gebetshaus kann man als Sovjet- Moschee bezeichnen, eine Mischung aus Minarettansammlung und Kommunenhaus. Kurz vor den Canyons kommen wir durch ein Dorf, das inmitten einer ausgedehnten Talsohle liegt, die mit mannshohem braungelbem Gras bewachsen ist. Hier sieht man, wie krass der Unterschied hier zwischen Land und Stadt ist: Neben den Häusern lagern Lehmziegel, die dort darauf warten, vom frisch verheirateten Zwanzigjährigen zu einer Unterkunft für seine Familie gestapelt zu werden. Es gibt keine Straße mehr, an die das Haus einmal angrenzen wird, nur ein durchlässiger schiefer Holzzaun unterscheidet die Kultur von der Natur und der Strick am Halfter des Esels, der geduldig seine vier Beinchen unter sich streckt, und vielleicht der Friedhof, der mit vom Wind zerfressenen Eisenjurten mit Halbmondaufsatz und den verwitterten grauen Miniaturpalästen wahllos sich in die Landschaft einfügt.
Wir steigen in den Canyon ein, die Weite der Ebene verwandelt sich augenblicklich in die dynamische Enge der zinnoberroten Steinwände; über uns ist der Himmel nur zwei Meter breit, und trotzdem findet der aufgeschreckte Adler seinen Weg hindurch, als nur für einen zu kurzen Augenblick sein Schatten direkt über uns gleitet. Überall finden wir Nistplätze, bis die Schlucht in einer krassen Steinwand endet. Wie so oft bemerkt man wie unbeholfen man hier als Mensch sein muss: Besonders auffallend die raumgreifenden Entdeckerposen des Ehepaares mit der Spiegelreflex, die sich alle drei Sekunden dazu erbarmen muss, schon wieder einen der beiden Griesgrame abzulichten. Wir fahren weiter, gehen durch einen anderen Canyon- im Frühling wird dort wohl alles mit Tauwasser durchspült und gemästet- halb absichtlich verirre ich mich dort irgendwo und genieße die Situation, auf niemanden als mich Rücksicht nehmen zu müssen.
Сомсы-проект
Das Comce- Projekt, benannt nach den frittierten Teigtaschen, fand letzten Samstag statt. Es dauerte acht Stunden. Es war grausam, und es war bisweilen das interessanteste was wir hier unternommen haben. Kasia hatte das Angebot einer polnisch- kirgisischen Website einen Artikel über das Leben in Bischkek zu schreiben, bekommen- und ich habe das Bildmaterial für den Bericht liefern dürfen. Unser Plan war, den Dordoij-Bazaar darzustellen, und zwar exemplarisch am Arbeitstag einer der Verkäuferinnern mit den alten Kinderwagen. Die ersten Versuche der Interviews waren kläglich, auch für Porträts bekamen vorerst wir keine Erlaubnis. Dann der Durchbruch, die Reaktion in Klammern: „Entschuldigen Sie (steinerne Mine) , darf ich fragen, wissen Sie (abweisende Mine), ich habe eine Mutter („Oh ja, ich habe auch Kinder!“), in Deutschland, und die weiß überhaupt nicht was ich hier mache und wie es mir geht („Oh je, mein Kiiiiind, das würde ich so nicht wollen.“) , also wollte ich ihr ein paar Fotos schicken, die zeigen wie die Kirgisen denn so sind, was für nette Leute („ Ja ich bin nett!“) es hier gibt.“ Böse Lüge, aber für die Leute mach es ja keinen Unterschied- also utilitaristische Lüge. Danach kam man leicht ins Gespräch, wir haben viel über den Alltag dort erfahren und interessante Leute kennen gelernt, mir wurde sogar eine Heirat für einen guten Preis angeboten. Den fertigen Artikel poste ich hier in der Form von Google-Translator, mit ein paar (noch eine Lüge!) grammatikalischen Verbesserungen, darüber der Originallink mit den Fotos, und: Von der Sorte Artikel werden noch ein Paar kommen, die Website hat extra für uns die Rubrik „Feuilleton“ eingerichtet!
www.kyrgyzstan.pl/pl/artykuly/felietony/789-jarmark-azja-zapiski-z-kirgiskiego-bazaru-dordoi.html
Für die meisten Verkäufer auf Dordoi beginnt der Tag sehr früh. Zur Vorbereitung um die Lieferung rechtzeitig zum ersten ungeduldigen Kunden benötigen müssen sie um ungefähr fünf Uhr morgens beginnen.
Es beginnt jeden Tag im Morgengrauen, deshalb feiern viele Menschen in scheinbar endlosen Reihen von Ständen das gleiche Ritual. Sie müssen zwei Container geöffnet haben- der untere, dient als "point of sale" und der oben dient als Lager. Die Männer transportieren schnell und effizient Ware von oben nach unten, zusammen auf behelfsmäßigen Leitern balancierend. An der Unterseite setzen die Frauen ihre Waren in Übereinstimmung mit der einzigen vorhandenen Regel – so eng wie möglich und so: So viel wie möglich zu zeigen, sie nutzen jeden Millimeter Platz. Nur damit der Kunde die Wahl hat; um zu sehen, wie viel der Verkäufer zu bieten hat. Tatsächlich hat der größte Bazaar in Zentralasien und einer der größten auf dem ganzen Kontinent viel zu bieten. Hier kann man buchstäblich alles kaufen - Elektronik, Kleidung, Lebensmittel, Geräte, lebende Tiere. Diese Vielzahl von Waren, auf den ersten Blick überwältigend, und der Eindruck vom Raum Dordoi ist extrem chaotisch. Aber wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass es eine gültige Ordnung mit etablierten Prinzipien gibt. Der ganze Basar ist in Teile, wo man Waren aus verschiedenen Ländern kaufen kann unterteilt. Es gibt daher den türkischen Teil, den chinesischen und – ein bisschen exklusiver- den der europäischen Fraktion. Es gibt auch separate Zeilen, in denen nur eine Art von Produkt verkauft wird, daher können Sie für Stunden auf dem "Wege der Schuhe" oder den "Promenaden der Hausgeräte" zu gehen.
Den Aufbau und die Logik des Umgang mit einer Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern der Shopping- Welt kennen zu lernen ist eine echte Herausforderung für einen unerfahrenen Kunden. Ein Moment der Unachtsamkeit und man könnte durch eine Schubkarre beladen bis zum Rand zu Boden getreten werden. Aber mehr als 30.000 Menschen arbeiten hier - Händler, Wachpersonal, Pförtner, ambulante Anbieter von traditionellen Gerichten – denen der Basar ein Ort vertraut und sicher ist, hier arbeiten ihre Familien, sie haben Freunde hier. Dordoi macht Zeitweise den Eindruck einer separaten Welt, völlig unabhängig von dem Leben der Hauptstadt. Der Verkauf von Brot und Snacks von einem Kinderwagen aus, so arbeitet Bermet, eine hübsche Frau mit anmutigen Bewegungen, was selten in Bischkek anzutreffen ist.
Die 53 Jahre alte Frau lebt in der Nähe des Basars, und sieht keinen Grund, für die eine Stunde in einer unglaublich überfüllten Marschrutka verbringen würde, nur um ins Zentrum zu kommen. Ausserdem, auch wenn es ein Grund wäre, es wäre so schwierig, Zeit zu finden. Bermet arbeitet sieben Tage die Woche, auch an Feiertagen. „Natürlich hätte ich lieber einen normalen Job in einem Büro oder im Büro, er würde und feste Löhne und sonntags kostenlos. Man könnte auch die Zeit verbringen, wahrscheinlich anständige Festtage mit seiner Familie.“ Wir reden am Tag vor dem Kurman Ait - Fest der Verstorbenen - eine der wichtigsten muslimischen religiösen Feierlichkeiten, die traditionell mit den engsten Bekannten gefeiert wird. Am Dordoi sind bereits die Vorbereitungen für die Feier zu sehen, in denen man fast jede zweite Gasse einen Schafskopf, das traditionelle Gericht, kaufen kann.
Bermet möchte sich natürlich aus Anlass des Festes Zeit nehmen, aber sie braucht Geld, um ihre Tochter im Studium zu unterstützen. „Arbeiten auf dem Basar ist nicht so schlimm, es ist ruhig, die Menschen sind freundlich. Aber junge Menschen wollen nicht hier bleiben, sie wollen in die Welt gehen. Vielleicht ist es gut, ich habe öfter vor kurzem gehört, dass Dordoij schließen wird, so ist es vielleicht besser, die Kinder wären mit etwas anderem beschäftigt, da hier die Zukunft ungewiss ist. Gerüchte über einen möglichen bevorstehenden Herbst des Basars erschienen im Zusammenhang mit der Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Weißrussland.
Foto Nr. 4: Vorbereitung für den Festtag Kurman Ait - mit Hammelfleisch- stehen an
Wegen der Zölle auf importierte Waren stiegen die angeschriebenen Preise drastisch nach oben, was sich hauptsächlich auf den Verkauf von billigen Waren aus China bezieht, auf dem Dordoi auffällig basiert. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Kunden erheblich verringert. Im Januar 2012 wird die Kirgisische Republik deren Gewerkschaft, die nach Meinung der Analysten die Situation verschlimmern kann, vielleicht sogar das Ende der fast zwanzig-jährigen Geschichte des größten Basar in der Region herbeizuführen. Bermet will zu diesen Berichten keine Stellung nehmen. Sie sagt, dass alle Probleme durch die Regierung und die Politiker verursacht werden, und sie ist nicht an Politik interessiert. Sie will weiter dort arbeiten, so wie es jetzt ist seit 11 Jahren. Am nächsten Tag geht sie also wieder von Stand zu Stand, verteilt Brot an andere Einzelhändler. Vorerst gibt es keine Kosten, aber nur in ihrem kleinen Notizbuch, macht sie geheimnisvolle Notizen, bestehend aus Abkürzungen und Zahlen. „Warum müssen sie nichts bezahlen? – Ich schreibe die Container-Nummer auf. Die Zahlung kommt dann am Ende des Tages. Sie zahlen immer. Sie haben mich nicht getäuscht, hier sind wir wie eine Familie. Bermet glaubt, dass dieses Vertrauen Dordoi überleben helfen wird, und im entscheidenden Moment Händler vereinen wird und so dem Zusammenbruch Widerstand leistet
Der Verkaufsstand mit türkischen Teppichen: Machabat ist nicht so optimistisch. Sie fuchtelte mit den Armen energisch und erzählt die Geschichte, wie sie wegen der Zollunion die Preise zu erhöhen hatte und sie so viele Kunden verlor. „Durch diese ganze Politik verlieren wir den gewöhnlichen Kunden. Sehen Sie, wie viele von uns schon zusammenbrechen!“
Foto Nr. 7: Machabat mit ihrer Tochter auf dem Hintergrund ihrer Kabine mit Teppichen
Ihre Weibliche Hand weist auf die angrenzenden Gassen. Tatsächlich sind die gleichmäßig Reihen von grünen Behältern dicht geschlossen. Machabat und ihre ganze Familie arbeitete in Dordoi von Anfang an, also würde der Fall des Basars eine echte Katastrophe für sie bedeuten. Aus diesem Grund hält die Frau mit Angst den Überblick über alle Berichte und beobachtet sorgfältig, was in dem Basar passiert. Sie ist auch bereit zu kämpfen. „Wenn es sein muss, muss es sein. Wir kümmern uns um uns, und sie sich um sich. Schon einmal waren wir bereit, unseren Besitz zu verteidigen.“ Machabat erzählt, wie während der letzten Revolution die Verkäufer befürchteten, dass die Unruhen sich aus der Stadt bewegen und dass der Bazaar auch ein Opfer der Plünderer würde. Machabat gibt zu, dass bis zu diesem Zeitpunkt es nicht so dramatisch ist- trotz all ihrer ernsten Ängste zu glauben, dass Dordoi fallen kann. Dieser Markt ist schließlich die Essenz von Kirgisistan, ein Symbol des Landes und der gesamten Region. Können Sie sich Bishkek ohne den Bazaar vorstellen? Es ist unmöglich. Was aber, wenn die Situation eine unerwartete Wendung nimmt und die Familie die Passion zu türkischen Teppichen aufgibt und Machabat einen neuen Job sucht? Die Frau sinnt für eine ganze Weile, dann lächelt aber kokett. Trotz dass klar die Müdigkeit in ihrem Gesicht gezeichnet ist, geht noch immer von ihr eine unglaubliche Energie und Charme aus. „Oder Sie gehen nach Europa? Ich habe eine wunderschöne Tochter, ich bin sicher, sie würde einen Ehemann finden.
Vielleicht würde es für uns eine Chance auf ein besseres Leben sein?“
Davon abgesehen ist auf dem Bazaar mir besonders aufgefallen:
Die abgedämpften Stimmen im schummrigen Licht bei den Pelzmützenhändlern, die beklemmende Arbeitsamkeit bei den illegalen Vorhangnäherinnen, die Rufe der Karrenschieber, das laute Kreischen der Tesafilmrolle beim Einpacken, die riesigen Haufen an bunten Fruchtbonbons, die begabte Englischschülerin, die trotzdem krank, frierend und einem Tränenausbruch nahe dort billige Hausschuhe verkaufen muss, weil sie sich den Unterricht nicht mehr leisten kann, die Küchenhilfe aus dem Projekt mit den vier Goldschneidezähnen, die im Bazaar Plastiktüten verkauft, die zusammengeschusterten Schaufensterpuppen, die durchleuchteten Marienkäferregenschirme, die Emailleeimer, die sich lautlos in der Sonne stapeln, und allgemein: Der krasse Wechsel der gesamten Szenerie an jeder Kreuzung, man weiß nie, was einen um die nächste Ecke erwartet (toter Hund auf der Müllhalde, endlose leere Lagerreihen im türkischen Sektor, Kronleuchter und Waschmaschinen, brüllende Menschen, stumme Menschen, im Endeffekt nur viele Menschen…).
Man stelle sich vor, der Satz gehe acht Stunden so weiter.
Klar, am Ende: Am Ende. Ein absurdes Gefühl des Schwimmens im Waren- und Menschenstrom, nur wie zufällig wird man von bunten Wellen an den Ausgang getragen, bis man völlig konfus sich in die letzte Marschrutka nach Hause quetschen darf.
Besonders begeistert (fast so begeistert wie von den neuen Stickern auf meiner Tastatur, mit der man jetzt auch kyrillisch schreiben kann!) war ich davon, dass wir die Interviews alle auf Russisch führen konnten, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber trotzdem ist das ein gutes Gefühl. Außerdem wird der Bericht in einer polnischen Studentenzeitschrift gedruckt; allgemein ist unsere Zusammenarbeit recht produktiv: Am Sonntag werden wir einen Artikel über die Komus, das nationale Kirgisische Saiteninstrument und ihre Herstellung und Bedeutung in der hiesigen Kultur verfassen, indem wir einen Komus-Meister, dessen Telefonnummer wir heute überraschend einfach auf dem Bazaar erfragt haben, außerhalb der Stadt dazu interviewen. Außerdem haben wir einen sinnigen Kurzfilm über einen Stromausfall gedreht und wir werden beim Bischkek Film Festival „Mein Kirgistan“ in der Kategorie „Experimentalfilm“ teilnehmen- spannende Sache, es macht richtig Spaß, auf jeden Fall. (Kurze Story von den ersten Aufnahmen zum diesem Projekt: Wir sitzen in einem trockengelegten Brunnen im Park mit eine Spritze in der Hand, in der nicht mehr ganz frischer Kefir sich befindet. Die Polizei war recht verwirrt, hat sich dann aber nach einigen Erklärungsversuchen verwirrt abgewandt, „Ausländer mal wieder“…)
Im Projekt
Aus Faulheit nur stichwortartig:
Es fand ein Herbstkonzert statt, ganz russisch, mit Kindern die Gedichte wie: „Hallo, ich bin die Karotte -ich bin lecker und mich mag die Lotte“ und halbdisziplinierten Kindern die im Chor den Herbst begrüßen. Eine Woche darauf das Konzert der Berühmtheiten(eine weißblonde Kirgisin die Flamenco tanzt? Zu komisch), ab und zu kommen immer Leute in unser Projekt und filmen oder machen einen Rundgang und schauen sich alles an- es ist ziemlich seltsam, so zooartig. Aber das ist nun mal so mit Sozialprestige.
Ab und zu gibt es unter den Kindern einen Wechsel, manchmal hat einer keine Lust mehr und lebt für zwei Wochen auf der Straßen und kommt dann erschöpft und zerfetzt zurück oder jemand wird von den Eltern wieder aufgenommen (wie gütig!) und kommt dann desillusioniert wieder nach dem Wochenende zurück- irgendwie schaffen die Kinder es größtenteils aber trotzdem, ihre Eltern als Vorbilder zu haben. Bewundernswert und fatal. Die wenigsten betrachten das Heim als ihre Heimat, erzählen immer noch von „zu Hause“, wo alles gut ist. Ich weiß immer noch nicht wie krass die Umstände dort wirklich sind, weil ich nie den Vergleich hatte. Die Kinder fühlen sich meines Eindruckes jedenfalls wohl im Zentrum. In Kombination damit, dass ihr Zuhause woanders ist, interessant: Eine Umgebung als Heimat zu betrachten die man gleichzeitig als abstoßend empfindet (denn sonst würden die Kinder ja nicht im Heim leben)?
Der Wander der тихий час
Die Ruhestunde nach dem Mittagessen ist nie gleich: Eine Woche wurde sie radikal durchgezogen, auch Nadja und ich haben eine Stunde geschlafen, diese Woche dann wieder nicht und wir haben Klappkarten und Zieharmonikamännchen gebastelt oder mit dem Englisch- bzw. Deutschunterricht anzufangen.
Der Wandel meiner Rolle. Durch wachsende Sprachkenntnisse werde ich immer mehr zur Autorität, oder auch nicht: „Warum hört ihr nicht auf ihn, er ist doch unser Kommandant!“
Oder die Situation, als ich mit allen zwanzig Jungs allein gelassen wurde und amerikanische Militärkommandos mit ihnen durchproben sollte- totales Chaos.
Ich will nicht mehr spielen, bäh. Ich bin froh dass ich mittlerweile nicht immer mitspielen muss, dass die Regeln eingehalten werden. Trotzdem: Ich hoffe, dass das Vogelhäuschenprojekt, das ich in der ultramodern ausgestatteten, nie genutzten Werkstatt plane, viel Zeit in Anspruch nimmt.
Bei uns arbeiten: Die Putzfrau, die auch als Konzertpianistin arbeitet und ihr hyperaktiver Sohn, der bei jeder Bewegung ein Gesicht macht, als ob er von innen heraus zu platzen drohe (ich glaube so absurd ist das gar nicht, seine Adern sind manchmal echt unheilverkündend). Oder auch die Küchenhilfe mit den Goldzähnen, die man ab und zu auf dem Bazaar treffen kann wie sie sich dem Verkauf von Plastiktüten an Einkaufende ein Zubrot verdient.
Und wieder einmal beim Zurückbringen der drei Jungs von der Schule Probleme: Es regnet und es ist kalt, aber nein, Yilgiz braucht weder Jacke noch Jackett und schmeißt beides weg. Nun, ich bin kein Sklave, wir gehen weiter, er soll es selber mitnehmen. Auf dem Weg weise ich ihn mehrmals darauf hin, dass wir auf ihn warten können, sodass er seine Sachen holen kann. Nein, alleine wolle er nicht. Die Anderen wollen auch nicht, also gehen wir zu Zweit, was heißt: Ich gehe vor und er widerwillig hinterher. Er hebt die Jacke natürlich nicht auf, also muss ich sie nehmen (Man ist immer im Zwiespalt zwischen dem, was man als pädagogisch sinnvoll erachtet und der Tatsache, dass man im Laufe des Tages dann auch mal nach Hause will). Wir gehen wieder zur Bushaltestelle als ich merke, dass er auf dem Rückweg auch seinen Rucksack als unnötig empfunden hat. Geduld- ohne zu viel zu dulden, schwierig. Dieselbe Prozedur noch ein Mal. Im Bus ist ihm dann kalt, eigentlich sollte er die Jacke nicht bekommen, das wäre konsequent. Andererseits wäre ich daran schuld, wenn er morgen wegen Krankheit nicht in die Schule kann.
Auf der anderen Seite Erfolge: Ich versuche, die Kinder zu erziehen, mich aber möglichst wenig in ihr Spiel oder ihre Idee einzumischen. Manchmal klappt’s, wenn sechs klatschnasse Wesen in Plusterjacken friedlich im Bus miteinander reden und spielen, mir ab und zu stolz ihre Ergebnisse zeigen und aufstehen wenn die Beine einer Babuschka nach einem Sitzplatz lechzen.
Und ganz direkt:„Stimmts, wir sind anstrengend?“ Es lässt sich nicht leugnen. Aber zur gleichen Zeit eben nicht, im Blog einer Freundin ist dies passend ausgedrückt: Sie geben so viel Energie, aber sie nehmen sie auch.
Man weiß nur nie genau, wo es sich in der Balance hält.
Und wieder einmal: AUGENBLICKE IN BISCHKEK
Der waffenstarrende Raureif der am kalten Morgen von einer stahlfahlen Sonne belichtet wird.
Das Aitiev-Museum und der Mix aus Sovjetkunst, kirgisischer Landschaft und der Vorstellung von kunstökologischen Projekten
Der rostige Vergnügungspark aus Vorzeiten, der kurz vor dem wirtschaftlichen und physikalischen Zusammenbruch steht
Inmitten von exklusiven Hotels das Lager der stummelzähnigen schwankenden Zigeuner mit dem winterlichen Kamel und einer Waage für Müll
Die überfüllte juristische Akademie mit den Trauben von noch jungen zukünftigen Kafkaesken
Die Kombination von Prokofieff’s Peter und der Wolf Melodie und den das Brot kaufenden bekopftuchten Hausfrauen im Supermarkt an der Ecke
Die zwei Herren, die sich auf einer Hauptstraße stolz ihre Revolver gegenseitig zeigen.
Die Kombination aus der Orchesterversion der James Bond Melodie und dem Herrn im grauen Mantel, der rückwärts auf einem Spielplatzelliptaltrainer strampelt
Die hutzligen Babuschkas die mit den grell gestreiften „Rave Girl“ Plastiktüten durch die Gegend humpeln
Die missionierenden Christinnen und ihr köstliches und höllisch abschätziges Lass-uns-fortziehen-Schwester-den-können-wir-vergessen Gesicht nach zwei Minuten Gespräch
Die Gruppe von beschäftigungslosen Schachspielern im Halbgebüsch
Die rosige Möchtegern-Dame im randvollen Bus, die sich jedes Mal angeekelt dort anfasst, wo sie jemand unabsichtlich berührt hat, mit einem Gesicht und einer Gestik, als wäre sie gerade schwer verwundet worden.
Die ausgelaugte und dankbare Mutter eines dreißigjährigen Sohnes im Rollstuhl und ihre symbolischen Helferssom
Die Menschenmasse aus Menschenmasse
Die Abschiedsparty für die holländischen Hipster-Designer (www.rawcolour.nl), daraufhin die unglaublich deplatzierte Hoola-Hoop-Tänzerin und ihr Freund der halbnackte Clown, dessen Witz niemand verstehen konnte
Und so oft: Die bösartige, hinterlistige, unfassbare russische Grammatik die bei Deklinationen jedes Wort bis zu Unkenntlichkeit zerhackstückeln muss- und die ich gerade deswegen umso mehr lieben muss
…so, das war’s fürs Nächste- und natürlich: Man kann gespannt bleiben.
Ich habe mich letztens übrigens sehr gefreut, als jemand angemerkt hat, dass der Blog unter anderem auch lustig sei: Ich finde vieles eigentlich lustiger als erstaunlich.
Erstaunlich. (höhöö!)
p.s.: Organisatorisches: Am 6. Dezember bekommen wir endlich unser Jahresvisum, mit mehrfacher Einreise, (Ja, endlich legal!) sodass ich dann von 22.12. bis 6.1. in Delhi sein kann- ich hoffe dass das klappt. Und ja. Nachdem mir meine Bankkarte gestohlen worden wurde, habe ich endlich über zehn Umwege eine Neue. Ein großes Danke hier an meine Elterleins, die das so hinbiegen konnten.