Freitag, 28. Oktober 2011

Viva la revolución!?


Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des ersten nassen Schnees hier in Bischkek kommt nun auch der nächste Blog, viel Freude beim kritischen Lesen:


ZWEITE WANDERUNG

Am Samstag des letzten Wochenendes hatte Kaisa, unsere polnische Mitbewohnerin Geburtstag. Wir haben bei uns in der WG gefeiert und ganz russisch Vodka und dazu saure eingelegte Gurken getrunken. Am nächsten morgen: Das Gurkenwasser als Anti-Hangover Mittel, erst in der Marschrutka hat sich dieses dann als weniger, nun, haltbar erwiesen. Wir sind am Sonntag morgen nach drei Stunden Schlaf wieder einmal wandern gewesen, auf der unterhaltsamen Fahrt mit netten Mitreisenden, die belustigt und erfrischend auf meine Ausgelaugtheit reagiert haben, habe ich eine interessante Frau kennen gelernt, die diejenigen Leute in Kirgistan unterstützt, die das Geschlecht gewechselt haben/dies tun wollen, außerdem verbessert sie durch Lehrgänge die Bedingungen an ländlichen Krankenhäusern. Ein spezieller Job. Nun gut, wie auch immer, sie hat mir dann mit einem Mix aus russisch und englisch meinen kirgisischen Namen (Arman) erklären können, der rund gefasst so etwas bedeutet wie: Ein Traum, eine Sehnsucht, ein Streben, eine Einsicht, eine Ausweglosigkeit, ein Wiederaufbegehren. Ziemlich mysteriös, aber interessant.
Drei Zwischenstopps später sind wir am Anfang der Schluchtenregion angekommen, in der wir wandern gehen sollten. Unter uns die Gleise der selten verkehrenden Bahn nach Issyk- Kul, neben uns eine scheinbar ohne Grund aufgestellte Kontrollstelle der Polizei. Im Tal der Eindruck wie im vergangenen Dinosaurier-Wunderland, oder wie in einer erdigen Kulisse von einem asiatischen Indiana Jones Film. Anfangs um uns glatter Stein, der so ebenmäßig glänzt, als käme er frisch aus der Pappmachéelackierstube, wir laufen gemächlich im fast immer trocken liegenden Flussbett, die Vegetation geizt mit Blättern und Grün. Später dann öffnet sich um uns das „Tal der Skulpturen“, wie überdimensionale Termitenbauten türmen sich die ausgewaschenen Sand- oder besser Erdsteine auf die Ebene auf. Jeder Schritt auf einer Schräge gräbt tiefe Spuren in die roten Flanken der Figuren (wie bröcklig und baufällig sie sind) in der Ferne sieht man jemanden vom Militär auf dem Bergkamm gestochen scharf sich gegen den Himmel abheben. Die Wanderung ist nicht anstrengend, wir kraxeln mit wenig Plan und viel Elan in der Gegend herum, die bunten Studenten wirken in der Mächtigkeit der Gegend ein wenig wie falsch platzierte Statisten, die nicht wissen, was sie tun sollen und sich umso mehr freuen. Wir gehen tiefer in das Tal hinein, blickt man zurück, kann man die verschiedenen Bergketten sich in die Ferne hineinstapeln sehen, es wirkt hier so alt- alt und lebendig. Ein Anpassungssüchtiger würde sich hier gewiss nach einem Speer und einem Lendenschurz sehnen. Anstatt dessen essen wir noch einen Keks. Wir überqueren einen Bergrücken, auf der anderen Seite hat das Regenwasser einen schmalen Tunnel in das einprägsame Bergkonterfei gewaschen, hinunter geht es, immer am Flussbett entlang, auf dem Weg trifft man andere Wanderer, ein Ehepaar: Er hilft seiner runden Schweinchenfrau im rosa Frotteanzug, ein bösartiges Hindernis zu überwinden. Eine russische fröhliche Familie kommt mir entgegen, wie irgendwie immer mit Energie, Plov und Vodka gefüllt- sie wollen, dass ich mit ihnen den ganzen Weg zurücklaufe: Well, isvinitje, nein. Aber auf halber Höhe treffe ich die Anderen wieder, man hört dort erstaunlicherweise einen Frosch und gelbes Schilf ihre Laute von sich geben, beim Abstieg kommen Kaisa und ich sogar in den Genuss eines treibsandartigen Schlammloches . Die Unterhaltung pendelt schnell zwischen Themen wie dem „a tension horse“ und „contemporary philosophy“- absurder Humor und zukünftiges Spießbürgertum: Ich bin begeistert davon.
Wieder bei der Marschrutka fällt das epische Triumvirat auf: Informationsschild, Skulptur und Toilettenhäuschen- wie sinnig. Auf dem Heimweg kommen wir noch bei der kasachischen Grenze vorbei, für ca. 200 Meter Straße waren wir sogar in Kasakhzstan, ui!
Und gleich darauf –obligatorisch- der bodenlos tiefe Wandererschlaf.



ABSURDES AUS DER WG

Vor unserer Wohnung wurden Zwiebeln gelagert, wir mussten sie natürlich zählen, es sind nun die 512 Zwiebeln vor unserer Wohnung, danach haben wir daneben eine silent disco mit “last Christmas, I gave you my onion, but the very next day, you gave it away” veranstaltet, silent deshalb, weil der Vermieter sich beschwert hat, dass wir jeden Tag eine Orgie feiern würden. Als ob.

Vorgestern ist etwas herzzerreißend Schreckliches passiert: Mr. Watercooker, unser Wasserkocher, wurde ohne Wasser angeschaltet und hat sich dann infolge nicht abgeleiteter Hitze selbst zerstört, was sich darin offenbarte, dass die ganze Küche nach verschmortem Plastik roch und irgendein Metall flüssig auf den Holzboden tropfte- sein gesamter Unterleib ist abgefallen! Wir haben ihn gebührend beerdigt und eine Trauerfeier mit Sigur Ros veranstaltet, aber irgendwie wurde er (wie grausam!) sehr schnell durch Mr. Watercooker II. ersetzt.

Und weniger absurd: Sarah kommt am Dienstag, sie wird bei uns wohnen, womit wir dann sieben Leute wären. Ist ein bisschen eng, weil die drei Mädels sich ein Zimmer teilen, aber nun ja.
Was meine Russischkenntnisse machen? Im Projekt verstehe ich - von den Kindern - fast alles, ihre Sätze sind nicht allzu kompliziert, aber wenn Gleichaltrige reden ist das schon schwieriger. Wir haben uns ein Geschichtenbuch für die vierte Klasse ausgeliehen, mit dem man wunderbar üben kann. Außerdem habe ich einen Parallelplan: In der türkisch-kirgisischen Manas Universität werden Türkischkurse angeboten, für 500 som drei Monate mit Zertifikat. Wenn man schon die Möglichkeit hat, warum denn nicht?

Am Sonntag wird hier gewählt werden, ich habe mich als Antipolitischer nicht allzu viel über die Kandidaten informiert, aber trotzdem bekommt man ein bisschen mit, wie stark die politische Spannung präsent ist, hier eine Warnung der U.S. Botschaft:

Emergency Message for U.S. citizens

On October 30th the Kyrgyz republic will hold presidential elections troughout the country. While the U.S. embassy has no information indicating that there will be civil unrest or violence, it is important to be prepared for this possibility.
U.S. citizens should always be prepared to spend several days at home, if necessary. This means having a stock of food, water, and medications, and keeping cell phones charged. U.S. citizens are reminded to stay away from large crowds and to avoid any demonstrations, even ones that appear to be peaceful.

Fast die gleiche Warnung hat die dt. Botschaft auch herausgegeben. Es gibt hier aber eine Bürgerpolizei, die sich im Laufe der letzten Revolution gebildet hat, und die in Gruppen zu zehnt durch die Stadt patrouillieren werden, um Störenfriede zu entlarven. Ich finde die Vorstellung, dass von einem Tag auf den anderen das gesamte Staatssystem zusammenstürzen kann, ziemlich bedrohlich- irgendwo ist man da ja schon deutsch. Falls ein Bürgerkrieg ausbrechen sollte, werden aber alle Deutschen mit dem Privatflugzeug zurück verfrachtet, alle anderen können dann im Chaos ersticken: Elitärer Service.

IM PROJEKT

Einmal im Bus, zwei von meinen Jungs unterhalten sich:
„Wenn ich groß bin, will ich zwei riesige Häuser haben, eines für mich, und eines für Aaron...!“
Ziemlich putzig, im Kontrast dazu:
„Dai menja dengi, dawai!/ Gib mir Geld, los!“
Und das Schmeißen der Steine auf Autos und andere fragilen Sachen. (Warum brauchen diese Kinder so dringend das Gefühl der Macht, oder linder gesagt: der Wichtigkeit?). In solchen Situationen bin ich noch ziemlich hilflos, und es ist demotivierend so ohnmächtig das Schlimmste verhindern zu wollen.

Wir haben mit den Kids eine Herbstwand gemacht, mit Papierdrachen, Blätterigeln und Windspielen. Dann haben wir noch eine Spielewoche gemacht, mit Uno (ich kann diese Spiel nicht mehr sehen, und die Kids verstehen die Richtungswechsel-Regel nach dreißig Mal immer noch nicht, was dazu führt dass Nadja und ich jedes Mal jedem sagen müssen, wann er dran ist), außerdem Twister, Vier Gewinnt (gab bei den größeren einige schöne Taktikbattles) und Ligretto. In der Woche darauf haben wir ein bisschen Makramee gemacht, also Armbänder geflochten und geknüpft- allerdings ist das für einige zu feinmotorisch- trotzdem sind sie begeistert von den bunten Fäden.

Nurzyd, ein Zwölf- oder Elfjähriger, hat mir letztens Suren vorgesungen- war ziemlich cool, nur hat er mir danach erklärt, dass das Christenkreuz verboten sei und er, wenn er immer Omas hilft und niemanden schlägt, in den Allah-Palast kommt, wo es vierzig Zimmer mit vierzig Frauen gibt, und alles aus Glas ist, unter dem man Fische schwimmen sehen kann und die Fähigkeit hat, zu schweben. Fünf Minuten später schlägt er jemanden, ich frage ihn, wie er das mit seiner Aussage davor vereinbaren kann: „Hm, er ist doch ein Christ.“
Nun, wenn das so ist.

Auf jeden Fall: Ich frage mich manchmal, ob sich im Projekt wirklich so viel verändert, oder ob es nur meine Wahrnehmung ist, die sich verschiebt.
Hoffentlich nicht nur eines von Beiden.



Zum Schluss noch einige Eindrücke und Augenblicke, die man hier erleben kann:


Die drei maroden und doch froschgrünen Wartebänke,

die Frau im Bus mit dem zerfallenen Christenleidsgesicht,

die zwei patriarchalischen Pseudo- Veteranen, die sich auf kleine Kinder setzen,

das Wahlplakat, das „Nationalismus und Chauvinismus für das Volk“ verspricht,

die gelb glühenden Akazienbäume, die die uliza Duschambinskaja säumen,

die trockenen Kügelchen des grünen aggressiven Straßenkautabaks,

die ehemals prachtvolle Statue, an deren metallenem Handgerippe noch einige Betonstücke hängen geblieben sind,

die Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Mitwandernde von mir Brot nimmt,

das nützliche Interesse der zukünftigen Austauschschülerin, die mich auf Englisch anspricht,

der getrocknete Joghurt, Kurut/Kypyt, den man wie ein salziges Bonbon isst,

die drei schwer filmreifen Pakete von 1000 som Scheinen, die en passant aus der blechernen Seitentür einer russischen Bank gegeben wurden

der Bauarbeiter, der nach der Uhrzeit fragt und sich, nachdem ich stolz auf Russisch geantwortet habe, als taubstumm entpuppt,

die Prügelei vor dem Aufzug beim Clubausgang, bei dem sie mit hallenden Kehlstimmen wie brütende Pinguine mit hochgezogenen Augenbrauen auf das Nächste einhacken

der Securitydienst, aus dessen schwarzem Wagen Musik wie aus einer Brainwash-Kinderserie auf die Straße schallt

der betrunkene Taschendieb, der gnadenlos nach einem fehlgeschlagenen Diebstahl halb bewusstlos geschlagen wurde und auf dem Gehweg hockend sich ausblutete

das sonnendurchflutete und verlassene Industriegatter im Stil des Pergamontores,

das dahin gemurmelte „Danke“ der buckligen machtgeilen Mitarbeiterin, die nun langsam zu akzeptieren beginnt,

der verwirrende Schwindel, der einen überkommt, wenn man einen chinesischen Kaugummi zu lange kaut

und nicht letzten Endes: Meine Freude, über die Entscheidung, hierher gekommen zu sein.


Das war’s vorerst aus dem frostigen Bischkek, aus dessen Rohren nun rotes Wasser fließt, und dessen Heizungen uns keinen Gefallen tun wollen, der Winter naht krass und klirrend- und wie immer: Ich bleibe gespannt, was sonst noch so passieren wird.

PS: Fotos gibts demnächst

Montag, 10. Oktober 2011


TOKMOK
Nach kurzem Suchen (Wegbeschreibung: „Nach einem Baum links rein“) wie geplant ein Abendessen bei Kolleginnen von Lukas, sie wohnen (noch) in einer Art favela in einem Kindergarten, wir sitzen im Tanz- und Bewegungsraum neben Plüschtieren und essen zu neunt, danach herrlich alberne Spiele und ein improvisierter Club, bestehend aus I-Pod Lautsprechern und einer über die Glühlampe gestülpten Socke- kurz darauf verdächtiger Brandgeruch. Auf dem Rückweg machen wir Witze darüber, dass man in dem Vorort immer Steine bei sich haben sollte, um sich Straßenhunde von Leib zu halten.
Am ersten Samstag nach dem letzten Blogeitrag sind Aibek und ich dann mit einer karitativen Organisation namens „The Green House“ nach Tokmok, einer 60000 Einwohner „Stadt“, die ca. anderthalb Stunden östlich von Bischkek liegt, gefahren. Davor jedoch zum Hauptquartier dieser Organisation: Das Haus ist wirklich grün, überall Fotos mit Bilduntertiteln wie: „Stay positive“ oder „A smile can change the world“- hier können Kirgisen mit den das Haus leitenden Amerikanern Englisch üben und wunderbar christliche Taten vollbringen, wozu auch eben das Besuchen von Waisenhäusern gehört. Die Leiterin ist schon älter und vom dauernden Hervorheben ihrer unglaublich(en) positiven Energie ein wenig mitgenommen, deswegen wirkt ihr Lachen ein wenig verkrampft, so, als täte sie es wissend, was das Lachen für Folgen haben kann. Naiv ist sie wohl nicht. Nichtdestotrotz: Wir fuhren nach Kant, ob diese Ortschaft nach Immanuel oder dem kirgisischen Wort für „Zucker“ (wegen der dort ansässigen Zuckerfabriken) benannt wurde, bleibt im Verborgenen, vielleicht ist das Wort auch nach dem Immanuel entstanden, oder es gibt eine Verbindung zwischen dem Ort und der Süße des kategorischen Imperativs? Karies und Bactus, mysteriös.
Das Waisenhaus befindet sich in einer ländlichen Gegend, das erste Mal bin ich dem im Zentrum fast prunkvollen Bischkek entwichen und wie erwartet rollen Eselskarren über schlaglochübersäte Asphaltpisten und fein geschniegelte Schulkinder rennen durch den Staub. Der Marschrutkafahrer bekommt per Zeichensprache von den anderen Fahrern mitgeteilt, wenn die Polizei im Anmarsch sein sollte, so hat er noch Zeit, das Tempo zu halbieren und so zu legalisieren. Die Geste erinnert ein wenig an einen West-Side-Hip-Hopper. Wir kommen an, das Haus dort mach einen soliden Eindruck, alles ist viel ruhiger hier und ein wenig mit einer niedergeschlagenen Stille belegt, obwohl die  dort wohnenden 100 Kinder so offenherzig und neugierig sind, wie ich es aus dem Zentr kenne, machen sie keinen so extrem rast- und endlosen Radau. Sie sind wirklich Waisenkinder, keine Sozialwaisen. Eine der amerikanischen Christinnen beschwert sich darüber, dass der kirgisische Staat Adoptionen so schwer mache. Ich will ihr aus Höflichkeit nicht widersprechen und gebe ihr somit Recht, dass doch eigentlich jeder Mensch in den Staaten leben sollte, zumindest wenn er putzig ist oder billig arbeitet. The promised land. Sie spricht nach drei Jahren soviel russisch wie ich es nach drei Wochen tue- so bekomme ich den Kulturimperialismus der Amerikaner mit. Wir spielen Frisbee und Volleyball mit den Kindern, machen Musik, tanzen, wie ein komischer sozialer Wanderzirkus haben wir Farbe und den verlockenden Glanz der Außenwelt in die Institution gebracht, für einige Stunden, für einen halben Tag. Wir fingen an, Kinder zu schminken, besonders begehrt war die flammenumrandete schwarze Maske, nur einmal kurz eine Unterbrechung: Eine Kuhherde musste durch das Gelände, innerhalb von Sekunden ist man von gemächlich schaukelnden Eutern umgeben die unwissend ein unbestimmtes Ziel verfolgen zu schienen, getrieben von einem o-beinigen Reiter mit kurzer Peitsche, weißem Lederhut und seinem monotonen Rufen, bei denen man merkt, wie oft sie schon benutzt worden sind, um sich seinen Lebensunteralt zu verdienen. Auf dem Rückweg: Schlaf, der Abend davor war anstrengend gewesen.

WANDERUNG N°1
Wie geplant dann am Sonntag die Wanderung zu dem See, anderthalb Stunden Fahrt in der Marschrutka, eine bunte Truppe (kirgisische Frauen mit rosa Handtasche und Stoffballerinas, zwei deutsche Midlife-Crisis-Touristen, russische Militärfanatiker, die in Tarnmuster-Hotpants (???) und Bazooka-Taschen (!!!) den Berg hochjoggen- und wir mittendrin). Auf der Hinfahrt: Frei lebende Pferdeherden, komische Truthahnfamilien und der atemberaubende Kontrast zwischen dem kargen Ödland auf den Berghängen und dem Fluss im Tal mit penetrant gelb strahlenden Birken und vielen Sanddornsträuchern. Wir ziehen los, Schwarzwaldatmosphäre, Gebirgsbach und Tannenwald, und immer wieder diese knöchernen aufgeplatzten Äste.

Auf den Lichtungen, bei denen wir oft vorbeikommen, liegen grauweiße Steine auf makellosem Gras, als ob sie dort jemand sorgfältig nach einem Muster platziert hätte. Nach dem steilen Wald: Das Hochland mit langen Gräsern und Wacholderbüschen. Es liegt die Provence in der Luft und wir essen abgrundtief saure Beeren. Das einzige was fehlt: Die Herr der Ringe Filmmusik, als wir über die Bergkuppe steigen und den See zum ersten Mal sehen: Eisblau, in strahlendem Türkis.

Wir ruhen uns aus, essen Comce (mit Fleisch oder/und Kartoffeln gefüllte Blätterteigtaschen), trinken Wasser aus dem See, es ist kalt und schmeckt leicht nach Sedimenten. Gewohnt hyperaktiv: Weiter, Kaisa und ich müssen noch den ganzen See umrunden. Man kommt sich vor wie bei einer Kamerarundfahrt im Film, die eine Szene aus allen Richtungen beleuchtet, die Kulisse verändert sich mit jedem Schritt. In einer kleinen schönen Bucht: Einige russische Kirgisen veranstalten ein monströses Picknick, sie bieten uns Plov, anscheinend eine Art Eintopf, und Vodka, anscheinend eine Art Wasser, an, wir begnügen uns mit dem Gedanken an einen sicheren Abstieg und nehmen dankend nur ein bisschen Brot an. Beim Abstieg: Gewohnt hyperaktiv, Kaisa und ich rennen durch den extrem unwegsamen Wald, wie Freerunner in der Natur, man springt von den Steinen ab, findet Steilkurven, weicht Wurzeln aus. Unten angekommen: Erschöpft und glücklich. Auf der Rückfahrt kommen wir nach dem von Deutschen, die von Lenin wegen „Sicherheitsgründen“ aus der Sowjetunion vertrieben worden sind, gegründeten Dorf „Rotfront“ in einen Kuhstau; die geruhsamen Damen ignorieren gekonnt das Hupen der Autos, die mitten in der Herde feststecken.


AUS DEM PROJEKT
Neues von der Arbeit: Nadja ist jetzt da und wir verstehen uns super, sie kann mir bei russischen Wörtern helfen und hat viele Ideen, was wir mit den Kindern machen können. Allein wäre ich nicht so aktiv. Ein aufkommendes Problem ist meine Nutzlosigkeit: Das Projekt braucht mich, bzw. Nadja und mich, nicht wirklich, wir sind eher im Weg. Morgens habe ich die Möglichkeit zwischen Frühstück (9 Uhr) und 10:40 Uhr, wenn ich die Kleinen von der Schule abholen muss, etwas zu machen. Anderthalb Stunden sind nicht viel. Dann, nach der Schule, gibt es Mittagessen und danach müssen die Jungs schlafen gehen. Auch wenn sie schon zwölf sind. Mir ist das echt ein Rätsel, die Mädels müssen das nicht tun, und es schläft sowieso keiner, es gibt immer nur nervige Schreierei und ich kann in der Zeit nicht viel machen, weil Nadja mit den Mädels sich beschäftigt. Nun ja, man wird eine Möglichkeit finden.
Beim Abholen der drei Jungs (Mohamed, Igor und Yilgiz) von der Schule: Sie begrüßen mich immer so lieb, als holte ich sie schon seit langem jeden Tag von der Schule ab, irgendwie bin ich etwas wie der Ersatzvater von den Dreien geworden. Aber dann ein pädagogischer Engpass: Igor hat Bonbons, zwingt mir netterweise eines auf, Yilgiz ist beleidigt weil er keins bekommt, ich frage Igor, ob er den Anderen keines geben will. Er gibt Mohamed eines, aber Yilgiz ist schon weggerannt. Ich muss ihn einfangen, wir müssen auf den Bus. Er ist nicht sehr schnell, aber mich schauen die Eltern der anderen Schüler an, als wäre ich ein Kinderschänder. Er bekommt von Igor das Bonbon und ist zufrieden gestellt, trotzdem nimmt er immer wieder Steine aus dem Straßengraben und droht den anderen beiden damit. Notiz am Rande: Er ist sieben. Im Nachhinein hätte ich einfach weitergehen sollen, er wäre schon mitgekommen. Hoffentlich.
Fast jeden Tag im Projekt: Lektion 1 „Wie man Kinder auspowert, ohne sich selbst zu erschöpfen“. Sie bekommen so viel zu essen, dazu noch der überflüssige Pesudo-Schlaf und als Sahnehäubchen Vitaminpillen; wie könnten sie auch anders als nicht stillsitzen wollen? Mit Origami ging es nicht wirklich (surprise!), Fußball wirkt immer, und dank meiner Funktion als Kletterbaum, Achterbahn und Schaukel kann ich auch auf ein Fitnessstudio verzichten.
Interessanterweise erklären die Kinder mir die Sachen manchmal nicht mehr, wenn ich etwas nicht verstehe und nachfrage, sondern reden lauter und wiederholen den Satz. Sie scheinen also nicht zu merken, wie viel ich eigentlich nicht verstehe- aber ich höre trotzdem zu: Sie haben viel zu erzählen.

WG-LEBEN
Wir haben polnische Pierogi gekocht, Teigtaschen mit Kartoffel-Schmand Füllung, ziemlich fein. By the way: Unser snobistischer living room, so aufgeräumt wie nie, mittlerweile müssen wir aber nicht mehr die Gardinenstange als Trockengestell benutzen und haben zwei Sofas, auf denen auch Gäste übernachten können. Man sieht draußen eine unsere drei Terrassen, in einer befindet sich die Kochzeile. Die Treppe rechts führt zu den Zimmern der hier hausenden adligen Gestalten.

Am Wochenende: Aibeks vierundzwanzigster Geburtstag, wir kochen alle zusammen Salate, gemütliches Beisammensein, danach in den Club „Globass“ mit Liveband, Twist und danach russischen Schlagern, ziemlich witzig. Und das Projekt: „Mehr Russisch in den Alltag“ – wir wollen/sollten uns nicht an das Englische gewöhnen. Der „pointless fridge“ mit dem penetranten Geräusch wurde abgeschaltet, er hat nicht gekühlt, deshalb ja auch pointless. Ich hasse ihn, er ist durch seine Untätigkeit an meinem derzeitigen eintägigen Zwangsurlaub schuld.

DORDOIJ
Unsere Einrichtung wird immer besser, wir waren bei Dordoij Bazaar, dem größten in ganz Zentralasien, und haben einen Reiskocher, Plastikschüsseln aus der Türkei, Handtücher, Kleiderbügel, Glühbirnen und alles Sonstige gekauft. Der Bazaar ist unvorstellbar riesig, er liegt ein weinig außerhalb der Stadt und ist an und für sich eine eigene Stadt, obwohl er erst vor ca.15 Jahren entstanden ist. Er erinnert innen ein wenig an einen trocken gelegten Hafen, oberhalb der Geschäfte und Stände sind Container gestapelt, die die unglaubliche Menge an Lagerware beherbergen. Gefeilscht wird nicht, die Preise stehen fest. Man schiebt und drückt sich durch die Menge, die unfassbare Vielfalt an Bildern, die auf einen einprasselt verstärkt das Gefühl, nicht mehr aus dem Straßennetz herauskommen zu können. Zwischendurch die klagend-lockenden Rufe von Händlerinnern, die für 25 som (40 ct) Comce verkaufen und sie in ausrangierten Kinderwägen durch die verbeulte Gegend schieben. „Kind durch Karriere ersetzt“, ist das jetzt zynisch?

Auf dem Rückweg: 41 Personen und fünf große Einkaufstüten in einer Marschrutka (zugelassen sind 15), das sind drei bis vier Personen pro Quadratmeter, kein offenes Fenster, dagegen ist ein Rockkonzert nur billig.

Nun denn, gerade habe ich russische Elementarvokabeln erhalten, mjami mjamm, vielen Dank auf jeden Fall für die Rückmeldungen. Ich hoffe es geht euch gut; und wie so oft: Es bleibt spannend.