Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des ersten nassen Schnees hier in Bischkek kommt nun auch der nächste Blog, viel Freude beim kritischen Lesen:
ZWEITE WANDERUNG
Am Samstag des letzten Wochenendes hatte Kaisa, unsere polnische Mitbewohnerin Geburtstag. Wir haben bei uns in der WG gefeiert und ganz russisch Vodka und dazu saure eingelegte Gurken getrunken. Am nächsten morgen: Das Gurkenwasser als Anti-Hangover Mittel, erst in der Marschrutka hat sich dieses dann als weniger, nun, haltbar erwiesen. Wir sind am Sonntag morgen nach drei Stunden Schlaf wieder einmal wandern gewesen, auf der unterhaltsamen Fahrt mit netten Mitreisenden, die belustigt und erfrischend auf meine Ausgelaugtheit reagiert haben, habe ich eine interessante Frau kennen gelernt, die diejenigen Leute in Kirgistan unterstützt, die das Geschlecht gewechselt haben/dies tun wollen, außerdem verbessert sie durch Lehrgänge die Bedingungen an ländlichen Krankenhäusern. Ein spezieller Job. Nun gut, wie auch immer, sie hat mir dann mit einem Mix aus russisch und englisch meinen kirgisischen Namen (Arman) erklären können, der rund gefasst so etwas bedeutet wie: Ein Traum, eine Sehnsucht, ein Streben, eine Einsicht, eine Ausweglosigkeit, ein Wiederaufbegehren. Ziemlich mysteriös, aber interessant.
Drei Zwischenstopps später sind wir am Anfang der Schluchtenregion angekommen, in der wir wandern gehen sollten. Unter uns die Gleise der selten verkehrenden Bahn nach Issyk- Kul, neben uns eine scheinbar ohne Grund aufgestellte Kontrollstelle der Polizei. Im Tal der Eindruck wie im vergangenen Dinosaurier-Wunderland, oder wie in einer erdigen Kulisse von einem asiatischen Indiana Jones Film. Anfangs um uns glatter Stein, der so ebenmäßig glänzt, als käme er frisch aus der Pappmachéelackierstube, wir laufen gemächlich im fast immer trocken liegenden Flussbett, die Vegetation geizt mit Blättern und Grün. Später dann öffnet sich um uns das „Tal der Skulpturen“, wie überdimensionale Termitenbauten türmen sich die ausgewaschenen Sand- oder besser Erdsteine auf die Ebene auf. Jeder Schritt auf einer Schräge gräbt tiefe Spuren in die roten Flanken der Figuren (wie bröcklig und baufällig sie sind) in der Ferne sieht man jemanden vom Militär auf dem Bergkamm gestochen scharf sich gegen den Himmel abheben. Die Wanderung ist nicht anstrengend, wir kraxeln mit wenig Plan und viel Elan in der Gegend herum, die bunten Studenten wirken in der Mächtigkeit der Gegend ein wenig wie falsch platzierte Statisten, die nicht wissen, was sie tun sollen und sich umso mehr freuen. Wir gehen tiefer in das Tal hinein, blickt man zurück, kann man die verschiedenen Bergketten sich in die Ferne hineinstapeln sehen, es wirkt hier so alt- alt und lebendig. Ein Anpassungssüchtiger würde sich hier gewiss nach einem Speer und einem Lendenschurz sehnen. Anstatt dessen essen wir noch einen Keks. Wir überqueren einen Bergrücken, auf der anderen Seite hat das Regenwasser einen schmalen Tunnel in das einprägsame Bergkonterfei gewaschen, hinunter geht es, immer am Flussbett entlang, auf dem Weg trifft man andere Wanderer, ein Ehepaar: Er hilft seiner runden Schweinchenfrau im rosa Frotteanzug, ein bösartiges Hindernis zu überwinden. Eine russische fröhliche Familie kommt mir entgegen, wie irgendwie immer mit Energie, Plov und Vodka gefüllt- sie wollen, dass ich mit ihnen den ganzen Weg zurücklaufe: Well, isvinitje, nein. Aber auf halber Höhe treffe ich die Anderen wieder, man hört dort erstaunlicherweise einen Frosch und gelbes Schilf ihre Laute von sich geben, beim Abstieg kommen Kaisa und ich sogar in den Genuss eines treibsandartigen Schlammloches . Die Unterhaltung pendelt schnell zwischen Themen wie dem „a tension horse“ und „contemporary philosophy“- absurder Humor und zukünftiges Spießbürgertum: Ich bin begeistert davon.
Wieder bei der Marschrutka fällt das epische Triumvirat auf: Informationsschild, Skulptur und Toilettenhäuschen- wie sinnig. Auf dem Heimweg kommen wir noch bei der kasachischen Grenze vorbei, für ca. 200 Meter Straße waren wir sogar in Kasakhzstan, ui!
Und gleich darauf –obligatorisch- der bodenlos tiefe Wandererschlaf.
ABSURDES AUS DER WG
Vor unserer Wohnung wurden Zwiebeln gelagert, wir mussten sie natürlich zählen, es sind nun die 512 Zwiebeln vor unserer Wohnung, danach haben wir daneben eine silent disco mit “last Christmas, I gave you my onion, but the very next day, you gave it away” veranstaltet, silent deshalb, weil der Vermieter sich beschwert hat, dass wir jeden Tag eine Orgie feiern würden. Als ob.
Vorgestern ist etwas herzzerreißend Schreckliches passiert: Mr. Watercooker, unser Wasserkocher, wurde ohne Wasser angeschaltet und hat sich dann infolge nicht abgeleiteter Hitze selbst zerstört, was sich darin offenbarte, dass die ganze Küche nach verschmortem Plastik roch und irgendein Metall flüssig auf den Holzboden tropfte- sein gesamter Unterleib ist abgefallen! Wir haben ihn gebührend beerdigt und eine Trauerfeier mit Sigur Ros veranstaltet, aber irgendwie wurde er (wie grausam!) sehr schnell durch Mr. Watercooker II. ersetzt.
Und weniger absurd: Sarah kommt am Dienstag, sie wird bei uns wohnen, womit wir dann sieben Leute wären. Ist ein bisschen eng, weil die drei Mädels sich ein Zimmer teilen, aber nun ja.
Was meine Russischkenntnisse machen? Im Projekt verstehe ich - von den Kindern - fast alles, ihre Sätze sind nicht allzu kompliziert, aber wenn Gleichaltrige reden ist das schon schwieriger. Wir haben uns ein Geschichtenbuch für die vierte Klasse ausgeliehen, mit dem man wunderbar üben kann. Außerdem habe ich einen Parallelplan: In der türkisch-kirgisischen Manas Universität werden Türkischkurse angeboten, für 500 som drei Monate mit Zertifikat. Wenn man schon die Möglichkeit hat, warum denn nicht?
Am Sonntag wird hier gewählt werden, ich habe mich als Antipolitischer nicht allzu viel über die Kandidaten informiert, aber trotzdem bekommt man ein bisschen mit, wie stark die politische Spannung präsent ist, hier eine Warnung der U.S. Botschaft:
Emergency Message for U.S. citizens
On October 30th the Kyrgyz republic will hold presidential elections troughout the country. While the U.S. embassy has no information indicating that there will be civil unrest or violence, it is important to be prepared for this possibility.
U.S. citizens should always be prepared to spend several days at home, if necessary. This means having a stock of food, water, and medications, and keeping cell phones charged. U.S. citizens are reminded to stay away from large crowds and to avoid any demonstrations, even ones that appear to be peaceful.
Fast die gleiche Warnung hat die dt. Botschaft auch herausgegeben. Es gibt hier aber eine Bürgerpolizei, die sich im Laufe der letzten Revolution gebildet hat, und die in Gruppen zu zehnt durch die Stadt patrouillieren werden, um Störenfriede zu entlarven. Ich finde die Vorstellung, dass von einem Tag auf den anderen das gesamte Staatssystem zusammenstürzen kann, ziemlich bedrohlich- irgendwo ist man da ja schon deutsch. Falls ein Bürgerkrieg ausbrechen sollte, werden aber alle Deutschen mit dem Privatflugzeug zurück verfrachtet, alle anderen können dann im Chaos ersticken: Elitärer Service.
IM PROJEKT
Einmal im Bus, zwei von meinen Jungs unterhalten sich:
„Wenn ich groß bin, will ich zwei riesige Häuser haben, eines für mich, und eines für Aaron...!“
Ziemlich putzig, im Kontrast dazu:
„Dai menja dengi, dawai!/ Gib mir Geld, los!“
Und das Schmeißen der Steine auf Autos und andere fragilen Sachen. (Warum brauchen diese Kinder so dringend das Gefühl der Macht, oder linder gesagt: der Wichtigkeit?). In solchen Situationen bin ich noch ziemlich hilflos, und es ist demotivierend so ohnmächtig das Schlimmste verhindern zu wollen.
Wir haben mit den Kids eine Herbstwand gemacht, mit Papierdrachen, Blätterigeln und Windspielen. Dann haben wir noch eine Spielewoche gemacht, mit Uno (ich kann diese Spiel nicht mehr sehen, und die Kids verstehen die Richtungswechsel-Regel nach dreißig Mal immer noch nicht, was dazu führt dass Nadja und ich jedes Mal jedem sagen müssen, wann er dran ist), außerdem Twister, Vier Gewinnt (gab bei den größeren einige schöne Taktikbattles) und Ligretto. In der Woche darauf haben wir ein bisschen Makramee gemacht, also Armbänder geflochten und geknüpft- allerdings ist das für einige zu feinmotorisch- trotzdem sind sie begeistert von den bunten Fäden.
Nurzyd, ein Zwölf- oder Elfjähriger, hat mir letztens Suren vorgesungen- war ziemlich cool, nur hat er mir danach erklärt, dass das Christenkreuz verboten sei und er, wenn er immer Omas hilft und niemanden schlägt, in den Allah-Palast kommt, wo es vierzig Zimmer mit vierzig Frauen gibt, und alles aus Glas ist, unter dem man Fische schwimmen sehen kann und die Fähigkeit hat, zu schweben. Fünf Minuten später schlägt er jemanden, ich frage ihn, wie er das mit seiner Aussage davor vereinbaren kann: „Hm, er ist doch ein Christ.“
Nun, wenn das so ist.
Auf jeden Fall: Ich frage mich manchmal, ob sich im Projekt wirklich so viel verändert, oder ob es nur meine Wahrnehmung ist, die sich verschiebt.
Hoffentlich nicht nur eines von Beiden.
Zum Schluss noch einige Eindrücke und Augenblicke, die man hier erleben kann:
Die drei maroden und doch froschgrünen Wartebänke,
die Frau im Bus mit dem zerfallenen Christenleidsgesicht,
die zwei patriarchalischen Pseudo- Veteranen, die sich auf kleine Kinder setzen,
das Wahlplakat, das „Nationalismus und Chauvinismus für das Volk“ verspricht,
die gelb glühenden Akazienbäume, die die uliza Duschambinskaja säumen,
die trockenen Kügelchen des grünen aggressiven Straßenkautabaks,
die ehemals prachtvolle Statue, an deren metallenem Handgerippe noch einige Betonstücke hängen geblieben sind,
die Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Mitwandernde von mir Brot nimmt,
das nützliche Interesse der zukünftigen Austauschschülerin, die mich auf Englisch anspricht,
der getrocknete Joghurt, Kurut/Kypyt, den man wie ein salziges Bonbon isst,
die drei schwer filmreifen Pakete von 1000 som Scheinen, die en passant aus der blechernen Seitentür einer russischen Bank gegeben wurden
der Bauarbeiter, der nach der Uhrzeit fragt und sich, nachdem ich stolz auf Russisch geantwortet habe, als taubstumm entpuppt,
die Prügelei vor dem Aufzug beim Clubausgang, bei dem sie mit hallenden Kehlstimmen wie brütende Pinguine mit hochgezogenen Augenbrauen auf das Nächste einhacken
der Securitydienst, aus dessen schwarzem Wagen Musik wie aus einer Brainwash-Kinderserie auf die Straße schallt
der betrunkene Taschendieb, der gnadenlos nach einem fehlgeschlagenen Diebstahl halb bewusstlos geschlagen wurde und auf dem Gehweg hockend sich ausblutete
das sonnendurchflutete und verlassene Industriegatter im Stil des Pergamontores,
das dahin gemurmelte „Danke“ der buckligen machtgeilen Mitarbeiterin, die nun langsam zu akzeptieren beginnt,
der verwirrende Schwindel, der einen überkommt, wenn man einen chinesischen Kaugummi zu lange kaut
und nicht letzten Endes: Meine Freude, über die Entscheidung, hierher gekommen zu sein.
Das war’s vorerst aus dem frostigen Bischkek, aus dessen Rohren nun rotes Wasser fließt, und dessen Heizungen uns keinen Gefallen tun wollen, der Winter naht krass und klirrend- und wie immer: Ich bleibe gespannt, was sonst noch so passieren wird.
PS: Fotos gibts demnächst




