Dienstag, 22. November 2011

шоро, eines der spaßigen milchprodukte hier
im canyon



lightpainting

November


Nach einer Pause, die mir wohl aufgrund des Erlebten als lang erschien, melde ich mich wieder, aus dem Bischkek, das nun schon seit mehr als zwei Monaten meine Wahlheimat ist:

Die vierte Wanderung:

Die letzte sonntägliche Wanderung führte uns und die Truppe in verknorpelte Gesteinsschluchten und den wilden Westen der kirgisischen Halbsteppe. Doch wie es dazu kam: Durch eine Fehlinformation haben wir gedacht, dass morgens um sechs Uhr Kurman Ait, das muslimische Totengedenkfest, auf dem Ala Too gefeiert werden würde- in Erwartung tausender Gebetsteppiche und simultanen Verneigungen kamen wir im nächtlichen Licht dort an und fanden nichts als neonfarbene Straßenreiniger vor. Dafür dann auf dem Weg: Ein Halt in Tokmok, die dortige Versammlung an der Moschee, nur Männer, irgendwie sahen alle ganz unverkrampft aus, nicht so wie die schuldbewussten großmütterlichen Gutmenschen die in Europa in der Kirche allzu häufig anzutreffen sind. Das Gebetshaus kann man als Sovjet- Moschee bezeichnen, eine Mischung aus Minarettansammlung und Kommunenhaus. Kurz vor den Canyons kommen wir durch ein Dorf, das inmitten einer ausgedehnten Talsohle liegt, die mit mannshohem braungelbem Gras bewachsen ist. Hier sieht man, wie krass der Unterschied hier zwischen Land und Stadt ist: Neben den Häusern lagern Lehmziegel, die dort darauf warten, vom frisch verheirateten Zwanzigjährigen zu einer Unterkunft für seine Familie gestapelt zu werden. Es gibt keine Straße mehr, an die das Haus einmal angrenzen wird, nur ein durchlässiger schiefer Holzzaun unterscheidet die Kultur von der Natur und der Strick am Halfter des Esels, der geduldig seine vier Beinchen unter sich streckt, und vielleicht der Friedhof, der mit vom Wind zerfressenen Eisenjurten mit Halbmondaufsatz und den verwitterten grauen Miniaturpalästen wahllos sich in die Landschaft einfügt.

Wir steigen in den Canyon ein, die Weite der Ebene verwandelt sich augenblicklich in die dynamische Enge der zinnoberroten Steinwände; über uns ist der Himmel nur zwei Meter breit, und trotzdem findet der aufgeschreckte Adler seinen Weg hindurch, als nur für einen zu kurzen Augenblick sein Schatten direkt über uns gleitet. Überall finden wir Nistplätze, bis die Schlucht in einer krassen Steinwand endet. Wie so oft bemerkt man wie unbeholfen man hier als Mensch sein muss: Besonders auffallend die raumgreifenden Entdeckerposen des Ehepaares mit der Spiegelreflex, die sich alle drei Sekunden dazu erbarmen muss, schon wieder einen der beiden Griesgrame abzulichten. Wir fahren weiter, gehen durch einen anderen Canyon- im Frühling wird dort wohl alles mit Tauwasser durchspült und gemästet- halb absichtlich verirre ich mich dort irgendwo und genieße die Situation, auf niemanden als mich Rücksicht nehmen zu müssen.


Сомсы-проект

Das Comce- Projekt, benannt nach den frittierten Teigtaschen, fand letzten Samstag statt. Es dauerte acht Stunden. Es war grausam, und es war bisweilen das interessanteste was wir hier unternommen haben. Kasia hatte das Angebot einer polnisch- kirgisischen Website einen Artikel über das Leben in Bischkek zu schreiben, bekommen- und ich habe das Bildmaterial für den Bericht liefern dürfen. Unser Plan war, den Dordoij-Bazaar darzustellen, und zwar exemplarisch am Arbeitstag einer der Verkäuferinnern mit den alten Kinderwagen. Die ersten Versuche der Interviews waren kläglich, auch für Porträts bekamen vorerst wir keine Erlaubnis. Dann der Durchbruch, die Reaktion in Klammern: „Entschuldigen Sie (steinerne Mine) , darf ich fragen, wissen Sie (abweisende Mine), ich habe eine Mutter („Oh ja, ich habe auch Kinder!“), in Deutschland, und die weiß überhaupt nicht was ich hier mache und wie es mir geht („Oh je, mein Kiiiiind, das würde ich so nicht wollen.“) , also wollte ich ihr ein paar Fotos schicken, die zeigen wie die Kirgisen denn so sind, was für nette Leute („ Ja ich bin nett!“) es hier gibt.“ Böse Lüge, aber für die Leute mach es ja keinen Unterschied- also utilitaristische Lüge. Danach kam man leicht ins Gespräch, wir haben viel über den Alltag dort erfahren und interessante Leute kennen gelernt, mir wurde sogar eine Heirat für einen guten Preis angeboten. Den fertigen Artikel poste ich hier in der Form von Google-Translator, mit ein paar (noch eine Lüge!) grammatikalischen Verbesserungen, darüber der Originallink mit den Fotos, und: Von der Sorte Artikel werden noch ein Paar kommen, die Website hat extra für uns die Rubrik „Feuilleton“ eingerichtet!

www.kyrgyzstan.pl/pl/artykuly/felietony/789-jarmark-azja-zapiski-z-kirgiskiego-bazaru-dordoi.html


Für die meisten Verkäufer auf Dordoi beginnt der Tag sehr früh. Zur Vorbereitung um die Lieferung rechtzeitig zum ersten ungeduldigen Kunden benötigen müssen sie um ungefähr fünf Uhr morgens beginnen.

Es beginnt jeden Tag im Morgengrauen, deshalb feiern viele Menschen in scheinbar endlosen Reihen von Ständen das gleiche Ritual. Sie müssen zwei Container geöffnet haben- der untere, dient als "point of sale" und der oben dient als Lager. Die Männer transportieren schnell und effizient Ware von oben nach unten, zusammen auf behelfsmäßigen Leitern balancierend. An der Unterseite setzen die Frauen ihre Waren in Übereinstimmung mit der einzigen vorhandenen Regel so eng wie möglich und so: So viel wie möglich zu zeigen, sie nutzen jeden Millimeter Platz. Nur damit der Kunde die Wahl hat; um zu sehen, wie viel der Verkäufer zu bieten hat. Tatsächlich hat der größte Bazaar in Zentralasien und einer der größten auf dem ganzen Kontinent viel zu bieten. Hier kann man buchstäblich alles kaufen - Elektronik, Kleidung, Lebensmittel, Geräte, lebende Tiere. Diese Vielzahl von Waren, auf den ersten Blick überwältigend, und der Eindruck vom Raum Dordoi ist extrem chaotisch. Aber wenn man genau hinsieht, kann man sehen, dass es eine gültige Ordnung mit etablierten Prinzipien gibt. Der ganze Basar ist in Teile, wo man Waren aus verschiedenen Ländern kaufen kann unterteilt. Es gibt daher den türkischen Teil, den chinesischen und ein bisschen exklusiver- den der europäischen Fraktion. Es gibt auch separate Zeilen, in denen nur eine Art von Produkt verkauft wird, daher können Sie für Stunden auf dem "Wege der Schuhe" oder den "Promenaden der Hausgeräte" zu gehen.

Den Aufbau und die Logik des Umgang mit einer Fläche von mehr als zwei Quadratkilometern der Shopping- Welt kennen zu lernen ist eine echte Herausforderung für einen unerfahrenen Kunden. Ein Moment der Unachtsamkeit und man könnte durch eine Schubkarre beladen bis zum Rand zu Boden getreten werden. Aber mehr als 30.000 Menschen arbeiten hier - Händler, Wachpersonal, Pförtner, ambulante Anbieter von traditionellen Gerichten denen der Basar ein Ort vertraut und sicher ist, hier arbeiten ihre Familien, sie haben Freunde hier. Dordoi macht Zeitweise den Eindruck einer separaten Welt, völlig unabhängig von dem Leben der Hauptstadt. Der Verkauf von Brot und Snacks von einem Kinderwagen aus, so arbeitet Bermet, eine hübsche Frau mit anmutigen Bewegungen, was selten in Bischkek anzutreffen ist.


Die 53 Jahre alte Frau lebt in der Nähe des Basars, und sieht keinen Grund, für die eine Stunde in einer unglaublich überfüllten Marschrutka verbringen würde, nur um ins Zentrum zu kommen. Ausserdem, auch wenn es ein Grund wäre, es wäre so schwierig, Zeit zu finden. Bermet arbeitet sieben Tage die Woche, auch an Feiertagen.Natürlich hätte ich lieber einen normalen Job in einem Büro oder im Büro, er würde und feste Löhne und sonntags kostenlos. Man könnte auch die Zeit verbringen, wahrscheinlich anständige Festtage mit seiner Familie.“ Wir reden am Tag vor dem Kurman Ait - Fest der Verstorbenen - eine der wichtigsten muslimischen religiösen Feierlichkeiten, die traditionell mit den engsten Bekannten gefeiert wird. Am Dordoi sind bereits die Vorbereitungen für die Feier zu sehen, in denen man fast jede zweite Gasse einen Schafskopf, das traditionelle Gericht, kaufen kann.

Bermet möchte sich natürlich aus Anlass des Festes Zeit nehmen, aber sie braucht Geld, um ihre Tochter im Studium zu unterstützen.Arbeiten auf dem Basar ist nicht so schlimm, es ist ruhig, die Menschen sind freundlich. Aber junge Menschen wollen nicht hier bleiben, sie wollen in die Welt gehen. Vielleicht ist es gut, ich habe öfter vor kurzem gehört, dass Dordoij schließen wird, so ist es vielleicht besser, die Kinder wären mit etwas anderem beschäftigt, da hier die Zukunft ungewiss ist. Gerüchte über einen möglichen bevorstehenden Herbst des Basars erschienen im Zusammenhang mit der Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Weißrussland.

Foto Nr. 4: Vorbereitung für den Festtag Kurman Ait - mit Hammelfleisch- stehen an

Wegen der Zölle auf importierte Waren stiegen die angeschriebenen Preise drastisch nach oben, was sich hauptsächlich auf den Verkauf von billigen Waren aus China bezieht, auf dem Dordoi auffällig basiert. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Kunden erheblich verringert. Im Januar 2012 wird die Kirgisische Republik deren Gewerkschaft, die nach Meinung der Analysten die Situation verschlimmern kann, vielleicht sogar das Ende der fast zwanzig-jährigen Geschichte des größten Basar in der Region herbeizuführen. Bermet will zu diesen Berichten keine Stellung nehmen. Sie sagt, dass alle Probleme durch die Regierung und die Politiker verursacht werden, und sie ist nicht an Politik interessiert. Sie will weiter dort arbeiten, so wie es jetzt ist seit 11 Jahren. Am nächsten Tag geht sie also wieder von Stand zu Stand, verteilt Brot an andere Einzelhändler. Vorerst gibt es keine Kosten, aber nur in ihrem kleinen Notizbuch, macht sie geheimnisvolle Notizen, bestehend aus Abkürzungen und Zahlen. „Warum müssen sie nichts bezahlen? Ich schreibe die Container-Nummer auf. Die Zahlung kommt dann am Ende des Tages. Sie zahlen immer. Sie haben mich nicht getäuscht, hier sind wir wie eine Familie. Bermet glaubt, dass dieses Vertrauen Dordoi überleben helfen wird, und im entscheidenden Moment Händler vereinen wird und so dem Zusammenbruch Widerstand leistet 


Der Verkaufsstand mit türkischen Teppichen: Machabat ist nicht so optimistisch. Sie fuchtelte mit den Armen energisch und erzählt die Geschichte, wie sie wegen der Zollunion die Preise zu erhöhen hatte und sie so viele Kunden verlor.Durch diese ganze Politik verlieren wir den gewöhnlichen Kunden. Sehen Sie, wie viele von uns schon zusammenbrechen!“

Foto Nr. 7: Machabat mit ihrer Tochter auf dem Hintergrund ihrer Kabine mit Teppichen
Ihre Weibliche Hand weist auf die angrenzenden Gassen. Tatsächlich sind die gleichmäßig Reihen von grünen Behältern dicht geschlossen. Machabat und ihre ganze Familie arbeitete in Dordoi von Anfang an, also würde der Fall des Basars eine echte Katastrophe für sie bedeuten. Aus diesem Grund hält die Frau mit Angst den Überblick über alle Berichte und beobachtet sorgfältig, was in dem Basar passiert. Sie ist auch bereit zu kämpfen.Wenn es sein muss, muss es sein. Wir kümmern uns um uns, und sie sich um sich. Schon einmal waren wir bereit, unseren Besitz zu verteidigen.“ Machabat erzählt, wie während der letzten Revolution die Verkäufer befürchteten, dass die Unruhen sich aus der Stadt bewegen und dass der Bazaar auch ein Opfer der Plünderer würde. Machabat gibt zu, dass bis zu diesem Zeitpunkt es nicht so dramatisch ist- trotz all ihrer ernsten Ängste zu glauben, dass Dordoi fallen kann. Dieser Markt ist schließlich die Essenz von Kirgisistan, ein Symbol des Landes und der gesamten Region. Können Sie sich Bishkek ohne den Bazaar vorstellen? Es ist unmöglich. Was aber, wenn die Situation eine unerwartete Wendung nimmt und die Familie die Passion zu türkischen Teppichen aufgibt und Machabat einen neuen Job sucht? Die Frau sinnt für eine ganze Weile, dann lächelt aber kokett. Trotz dass klar die Müdigkeit in ihrem Gesicht gezeichnet ist, geht noch immer von ihr eine unglaubliche Energie und Charme aus.Oder Sie gehen nach Europa? Ich habe eine wunderschöne Tochter, ich bin sicher, sie würde einen Ehemann finden.
Vielleicht würde es für uns eine Chance auf ein besseres Leben sein?“


Davon abgesehen ist auf dem Bazaar mir besonders aufgefallen:
Die abgedämpften Stimmen im schummrigen Licht bei den Pelzmützenhändlern, die beklemmende Arbeitsamkeit bei den illegalen Vorhangnäherinnen, die Rufe der Karrenschieber, das laute Kreischen der Tesafilmrolle beim Einpacken, die riesigen Haufen an bunten Fruchtbonbons, die begabte Englischschülerin, die trotzdem krank, frierend und einem Tränenausbruch nahe dort billige Hausschuhe verkaufen muss, weil sie sich den Unterricht nicht mehr leisten kann, die Küchenhilfe aus dem Projekt mit den vier Goldschneidezähnen, die im Bazaar Plastiktüten verkauft, die zusammengeschusterten Schaufensterpuppen, die durchleuchteten Marienkäferregenschirme, die Emailleeimer, die sich lautlos in der Sonne stapeln, und allgemein: Der krasse Wechsel der gesamten Szenerie an jeder Kreuzung, man weiß nie, was einen um die nächste Ecke erwartet (toter Hund auf der Müllhalde, endlose leere Lagerreihen im türkischen Sektor, Kronleuchter und Waschmaschinen, brüllende Menschen, stumme Menschen, im Endeffekt nur viele Menschen…).
Man stelle sich vor, der Satz gehe acht Stunden so weiter.
Klar, am Ende: Am Ende. Ein absurdes Gefühl des Schwimmens im Waren- und Menschenstrom, nur wie zufällig wird man von bunten Wellen an den Ausgang getragen, bis man völlig konfus sich in die letzte Marschrutka nach Hause quetschen darf.


Besonders begeistert (fast so begeistert wie von den neuen Stickern auf meiner Tastatur, mit der man jetzt auch kyrillisch schreiben kann!) war ich davon, dass wir die Interviews alle auf Russisch führen konnten, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber trotzdem ist das ein gutes Gefühl. Außerdem wird der Bericht in einer polnischen Studentenzeitschrift gedruckt; allgemein ist unsere Zusammenarbeit recht produktiv: Am Sonntag werden wir einen Artikel über die Komus, das nationale Kirgisische Saiteninstrument und ihre Herstellung und Bedeutung in der hiesigen Kultur verfassen, indem wir einen Komus-Meister, dessen Telefonnummer wir heute überraschend einfach auf dem Bazaar erfragt haben, außerhalb der Stadt dazu interviewen. Außerdem haben wir einen sinnigen Kurzfilm über einen Stromausfall gedreht und wir werden beim Bischkek Film Festival „Mein Kirgistan“ in der Kategorie „Experimentalfilm“ teilnehmen- spannende Sache, es macht richtig Spaß, auf jeden Fall. (Kurze Story von den ersten Aufnahmen zum diesem Projekt: Wir sitzen in einem trockengelegten Brunnen im Park mit eine Spritze in der Hand, in der nicht mehr ganz frischer Kefir sich befindet. Die Polizei war recht verwirrt, hat sich dann aber nach einigen Erklärungsversuchen verwirrt abgewandt, „Ausländer mal wieder“…)


Im Projekt

Aus Faulheit nur stichwortartig:

Es fand ein Herbstkonzert statt, ganz russisch, mit Kindern die Gedichte wie: „Hallo, ich bin die Karotte -ich bin lecker und mich mag die Lotte“ und halbdisziplinierten Kindern die im Chor den Herbst begrüßen. Eine Woche darauf das Konzert der Berühmtheiten(eine weißblonde Kirgisin die Flamenco tanzt? Zu komisch), ab und zu kommen immer Leute in unser Projekt und filmen oder machen einen Rundgang und schauen sich alles an- es ist ziemlich seltsam, so zooartig. Aber das ist nun mal so mit Sozialprestige.
Ab und zu gibt es unter den Kindern einen Wechsel, manchmal hat einer keine Lust mehr und lebt für zwei Wochen auf der Straßen und kommt dann erschöpft und zerfetzt zurück oder jemand wird von den Eltern wieder aufgenommen (wie gütig!) und kommt dann desillusioniert wieder nach dem Wochenende zurück- irgendwie schaffen die Kinder es größtenteils aber trotzdem, ihre Eltern als Vorbilder zu haben. Bewundernswert und fatal. Die wenigsten betrachten das Heim als ihre Heimat, erzählen immer noch von „zu Hause“, wo alles gut ist. Ich weiß immer noch nicht wie krass die Umstände dort wirklich sind, weil ich nie den Vergleich hatte. Die Kinder fühlen sich meines Eindruckes jedenfalls wohl im Zentrum. In Kombination damit, dass ihr Zuhause woanders ist, interessant: Eine Umgebung als Heimat zu betrachten die man gleichzeitig als abstoßend empfindet (denn sonst würden die Kinder ja nicht im Heim leben)?

Der Wander der тихий час
Die Ruhestunde nach dem Mittagessen ist nie gleich: Eine Woche wurde sie radikal durchgezogen, auch Nadja und ich haben eine Stunde geschlafen, diese Woche dann wieder nicht und wir haben Klappkarten und Zieharmonikamännchen gebastelt oder mit dem Englisch- bzw. Deutschunterricht anzufangen.

Der Wandel meiner Rolle. Durch wachsende Sprachkenntnisse werde ich immer mehr zur Autorität, oder auch nicht: „Warum hört ihr nicht auf ihn, er ist doch unser Kommandant!“
Oder die Situation, als ich mit allen zwanzig Jungs allein gelassen wurde und amerikanische Militärkommandos mit ihnen durchproben sollte- totales Chaos.

Ich will nicht mehr spielen, bäh. Ich bin froh dass ich mittlerweile nicht immer mitspielen muss, dass die Regeln eingehalten werden. Trotzdem: Ich hoffe, dass das Vogelhäuschenprojekt, das ich in der ultramodern ausgestatteten, nie genutzten Werkstatt plane, viel Zeit in Anspruch nimmt.
Bei uns arbeiten: Die Putzfrau, die auch als Konzertpianistin arbeitet und ihr hyperaktiver Sohn, der bei jeder Bewegung ein Gesicht macht, als ob er von innen heraus zu platzen drohe (ich glaube so absurd ist das gar nicht, seine Adern sind manchmal echt unheilverkündend). Oder auch die Küchenhilfe mit den Goldzähnen, die man ab und zu auf dem Bazaar treffen kann wie sie sich dem Verkauf von Plastiktüten an Einkaufende ein Zubrot verdient.

Und wieder einmal beim Zurückbringen der drei Jungs von der Schule Probleme: Es regnet und es ist kalt, aber nein, Yilgiz braucht weder Jacke noch Jackett und schmeißt beides weg. Nun, ich bin kein Sklave, wir gehen weiter, er soll es selber mitnehmen. Auf dem Weg weise ich ihn mehrmals darauf hin, dass wir auf ihn warten können, sodass er seine Sachen holen kann. Nein, alleine wolle er nicht. Die Anderen wollen auch nicht, also gehen wir zu Zweit, was heißt: Ich gehe vor und er widerwillig hinterher. Er hebt die Jacke natürlich nicht auf, also muss ich sie nehmen (Man ist immer im Zwiespalt zwischen dem, was man als pädagogisch sinnvoll erachtet und der Tatsache, dass man im Laufe des Tages dann auch mal nach Hause will). Wir gehen wieder zur Bushaltestelle als ich merke, dass er auf dem Rückweg auch seinen Rucksack als unnötig empfunden hat. Geduld- ohne zu viel zu dulden, schwierig. Dieselbe Prozedur noch ein Mal. Im Bus ist ihm dann kalt, eigentlich sollte er die Jacke nicht bekommen, das wäre konsequent. Andererseits wäre ich daran schuld, wenn er morgen wegen Krankheit nicht in die Schule kann.
Auf der anderen Seite Erfolge: Ich versuche, die Kinder zu erziehen, mich aber möglichst wenig in ihr Spiel oder ihre Idee einzumischen. Manchmal klappt’s, wenn sechs klatschnasse Wesen in Plusterjacken friedlich im Bus miteinander reden und spielen, mir ab und zu stolz ihre Ergebnisse zeigen und aufstehen wenn die Beine einer Babuschka nach einem Sitzplatz lechzen.

Und ganz direkt:„Stimmts, wir sind anstrengend?“ Es lässt sich nicht leugnen. Aber zur gleichen Zeit eben nicht, im Blog einer Freundin ist dies passend ausgedrückt: Sie geben so viel Energie, aber sie nehmen sie auch.
Man weiß nur nie genau, wo es sich in der Balance hält.


Und wieder einmal: AUGENBLICKE IN BISCHKEK

Der waffenstarrende Raureif der am kalten Morgen von einer stahlfahlen Sonne belichtet wird.

Das Aitiev-Museum und der Mix aus Sovjetkunst, kirgisischer Landschaft und der Vorstellung von kunstökologischen Projekten

Der rostige Vergnügungspark aus Vorzeiten, der kurz vor dem wirtschaftlichen und physikalischen Zusammenbruch steht

Inmitten von exklusiven Hotels das Lager der stummelzähnigen schwankenden Zigeuner mit dem winterlichen Kamel und einer Waage für Müll

Die überfüllte juristische Akademie mit den Trauben von noch jungen zukünftigen Kafkaesken

Die Kombination von Prokofieff’s Peter und der Wolf Melodie und den das Brot kaufenden bekopftuchten Hausfrauen im Supermarkt an der Ecke

Die zwei Herren, die sich auf einer Hauptstraße stolz ihre Revolver gegenseitig zeigen.

Die Kombination aus der Orchesterversion der James Bond Melodie und dem Herrn im grauen Mantel, der rückwärts auf einem Spielplatzelliptaltrainer strampelt

Die hutzligen Babuschkas die mit den grell gestreiften „Rave Girl“ Plastiktüten durch die Gegend humpeln

Die missionierenden Christinnen und ihr köstliches und höllisch abschätziges Lass-uns-fortziehen-Schwester-den-können-wir-vergessen Gesicht nach zwei Minuten Gespräch

Die Gruppe von beschäftigungslosen Schachspielern im Halbgebüsch

Die rosige Möchtegern-Dame im randvollen Bus, die sich jedes Mal angeekelt dort anfasst, wo sie jemand unabsichtlich berührt hat, mit einem Gesicht und einer Gestik, als wäre sie gerade schwer verwundet worden.

Die ausgelaugte und dankbare Mutter eines dreißigjährigen Sohnes im Rollstuhl und ihre symbolischen Helferssom

Die Menschenmasse aus Menschenmasse

Die Abschiedsparty für die holländischen Hipster-Designer (www.rawcolour.nl), daraufhin die unglaublich deplatzierte Hoola-Hoop-Tänzerin und ihr Freund der halbnackte Clown, dessen Witz niemand verstehen konnte

Und so oft: Die bösartige, hinterlistige, unfassbare russische Grammatik die bei Deklinationen jedes Wort bis zu Unkenntlichkeit zerhackstückeln muss- und die ich gerade deswegen umso mehr lieben muss

…so, das war’s fürs Nächste- und natürlich: Man kann gespannt bleiben.
Ich habe mich letztens übrigens sehr gefreut, als jemand angemerkt hat, dass der Blog unter anderem auch lustig sei: Ich finde vieles eigentlich lustiger als erstaunlich.
Erstaunlich. (höhöö!)

p.s.: Organisatorisches: Am 6. Dezember bekommen wir endlich unser Jahresvisum, mit mehrfacher Einreise, (Ja, endlich legal!) sodass ich dann von 22.12. bis 6.1. in Delhi sein kann- ich hoffe dass das klappt. Und ja. Nachdem mir meine Bankkarte gestohlen worden wurde, habe ich endlich über zehn Umwege eine Neue. Ein großes Danke hier an meine Elterleins, die das so hinbiegen konnten.

Freitag, 28. Oktober 2011

Viva la revolución!?


Fast zeitgleich mit dem Eintreffen des ersten nassen Schnees hier in Bischkek kommt nun auch der nächste Blog, viel Freude beim kritischen Lesen:


ZWEITE WANDERUNG

Am Samstag des letzten Wochenendes hatte Kaisa, unsere polnische Mitbewohnerin Geburtstag. Wir haben bei uns in der WG gefeiert und ganz russisch Vodka und dazu saure eingelegte Gurken getrunken. Am nächsten morgen: Das Gurkenwasser als Anti-Hangover Mittel, erst in der Marschrutka hat sich dieses dann als weniger, nun, haltbar erwiesen. Wir sind am Sonntag morgen nach drei Stunden Schlaf wieder einmal wandern gewesen, auf der unterhaltsamen Fahrt mit netten Mitreisenden, die belustigt und erfrischend auf meine Ausgelaugtheit reagiert haben, habe ich eine interessante Frau kennen gelernt, die diejenigen Leute in Kirgistan unterstützt, die das Geschlecht gewechselt haben/dies tun wollen, außerdem verbessert sie durch Lehrgänge die Bedingungen an ländlichen Krankenhäusern. Ein spezieller Job. Nun gut, wie auch immer, sie hat mir dann mit einem Mix aus russisch und englisch meinen kirgisischen Namen (Arman) erklären können, der rund gefasst so etwas bedeutet wie: Ein Traum, eine Sehnsucht, ein Streben, eine Einsicht, eine Ausweglosigkeit, ein Wiederaufbegehren. Ziemlich mysteriös, aber interessant.
Drei Zwischenstopps später sind wir am Anfang der Schluchtenregion angekommen, in der wir wandern gehen sollten. Unter uns die Gleise der selten verkehrenden Bahn nach Issyk- Kul, neben uns eine scheinbar ohne Grund aufgestellte Kontrollstelle der Polizei. Im Tal der Eindruck wie im vergangenen Dinosaurier-Wunderland, oder wie in einer erdigen Kulisse von einem asiatischen Indiana Jones Film. Anfangs um uns glatter Stein, der so ebenmäßig glänzt, als käme er frisch aus der Pappmachéelackierstube, wir laufen gemächlich im fast immer trocken liegenden Flussbett, die Vegetation geizt mit Blättern und Grün. Später dann öffnet sich um uns das „Tal der Skulpturen“, wie überdimensionale Termitenbauten türmen sich die ausgewaschenen Sand- oder besser Erdsteine auf die Ebene auf. Jeder Schritt auf einer Schräge gräbt tiefe Spuren in die roten Flanken der Figuren (wie bröcklig und baufällig sie sind) in der Ferne sieht man jemanden vom Militär auf dem Bergkamm gestochen scharf sich gegen den Himmel abheben. Die Wanderung ist nicht anstrengend, wir kraxeln mit wenig Plan und viel Elan in der Gegend herum, die bunten Studenten wirken in der Mächtigkeit der Gegend ein wenig wie falsch platzierte Statisten, die nicht wissen, was sie tun sollen und sich umso mehr freuen. Wir gehen tiefer in das Tal hinein, blickt man zurück, kann man die verschiedenen Bergketten sich in die Ferne hineinstapeln sehen, es wirkt hier so alt- alt und lebendig. Ein Anpassungssüchtiger würde sich hier gewiss nach einem Speer und einem Lendenschurz sehnen. Anstatt dessen essen wir noch einen Keks. Wir überqueren einen Bergrücken, auf der anderen Seite hat das Regenwasser einen schmalen Tunnel in das einprägsame Bergkonterfei gewaschen, hinunter geht es, immer am Flussbett entlang, auf dem Weg trifft man andere Wanderer, ein Ehepaar: Er hilft seiner runden Schweinchenfrau im rosa Frotteanzug, ein bösartiges Hindernis zu überwinden. Eine russische fröhliche Familie kommt mir entgegen, wie irgendwie immer mit Energie, Plov und Vodka gefüllt- sie wollen, dass ich mit ihnen den ganzen Weg zurücklaufe: Well, isvinitje, nein. Aber auf halber Höhe treffe ich die Anderen wieder, man hört dort erstaunlicherweise einen Frosch und gelbes Schilf ihre Laute von sich geben, beim Abstieg kommen Kaisa und ich sogar in den Genuss eines treibsandartigen Schlammloches . Die Unterhaltung pendelt schnell zwischen Themen wie dem „a tension horse“ und „contemporary philosophy“- absurder Humor und zukünftiges Spießbürgertum: Ich bin begeistert davon.
Wieder bei der Marschrutka fällt das epische Triumvirat auf: Informationsschild, Skulptur und Toilettenhäuschen- wie sinnig. Auf dem Heimweg kommen wir noch bei der kasachischen Grenze vorbei, für ca. 200 Meter Straße waren wir sogar in Kasakhzstan, ui!
Und gleich darauf –obligatorisch- der bodenlos tiefe Wandererschlaf.



ABSURDES AUS DER WG

Vor unserer Wohnung wurden Zwiebeln gelagert, wir mussten sie natürlich zählen, es sind nun die 512 Zwiebeln vor unserer Wohnung, danach haben wir daneben eine silent disco mit “last Christmas, I gave you my onion, but the very next day, you gave it away” veranstaltet, silent deshalb, weil der Vermieter sich beschwert hat, dass wir jeden Tag eine Orgie feiern würden. Als ob.

Vorgestern ist etwas herzzerreißend Schreckliches passiert: Mr. Watercooker, unser Wasserkocher, wurde ohne Wasser angeschaltet und hat sich dann infolge nicht abgeleiteter Hitze selbst zerstört, was sich darin offenbarte, dass die ganze Küche nach verschmortem Plastik roch und irgendein Metall flüssig auf den Holzboden tropfte- sein gesamter Unterleib ist abgefallen! Wir haben ihn gebührend beerdigt und eine Trauerfeier mit Sigur Ros veranstaltet, aber irgendwie wurde er (wie grausam!) sehr schnell durch Mr. Watercooker II. ersetzt.

Und weniger absurd: Sarah kommt am Dienstag, sie wird bei uns wohnen, womit wir dann sieben Leute wären. Ist ein bisschen eng, weil die drei Mädels sich ein Zimmer teilen, aber nun ja.
Was meine Russischkenntnisse machen? Im Projekt verstehe ich - von den Kindern - fast alles, ihre Sätze sind nicht allzu kompliziert, aber wenn Gleichaltrige reden ist das schon schwieriger. Wir haben uns ein Geschichtenbuch für die vierte Klasse ausgeliehen, mit dem man wunderbar üben kann. Außerdem habe ich einen Parallelplan: In der türkisch-kirgisischen Manas Universität werden Türkischkurse angeboten, für 500 som drei Monate mit Zertifikat. Wenn man schon die Möglichkeit hat, warum denn nicht?

Am Sonntag wird hier gewählt werden, ich habe mich als Antipolitischer nicht allzu viel über die Kandidaten informiert, aber trotzdem bekommt man ein bisschen mit, wie stark die politische Spannung präsent ist, hier eine Warnung der U.S. Botschaft:

Emergency Message for U.S. citizens

On October 30th the Kyrgyz republic will hold presidential elections troughout the country. While the U.S. embassy has no information indicating that there will be civil unrest or violence, it is important to be prepared for this possibility.
U.S. citizens should always be prepared to spend several days at home, if necessary. This means having a stock of food, water, and medications, and keeping cell phones charged. U.S. citizens are reminded to stay away from large crowds and to avoid any demonstrations, even ones that appear to be peaceful.

Fast die gleiche Warnung hat die dt. Botschaft auch herausgegeben. Es gibt hier aber eine Bürgerpolizei, die sich im Laufe der letzten Revolution gebildet hat, und die in Gruppen zu zehnt durch die Stadt patrouillieren werden, um Störenfriede zu entlarven. Ich finde die Vorstellung, dass von einem Tag auf den anderen das gesamte Staatssystem zusammenstürzen kann, ziemlich bedrohlich- irgendwo ist man da ja schon deutsch. Falls ein Bürgerkrieg ausbrechen sollte, werden aber alle Deutschen mit dem Privatflugzeug zurück verfrachtet, alle anderen können dann im Chaos ersticken: Elitärer Service.

IM PROJEKT

Einmal im Bus, zwei von meinen Jungs unterhalten sich:
„Wenn ich groß bin, will ich zwei riesige Häuser haben, eines für mich, und eines für Aaron...!“
Ziemlich putzig, im Kontrast dazu:
„Dai menja dengi, dawai!/ Gib mir Geld, los!“
Und das Schmeißen der Steine auf Autos und andere fragilen Sachen. (Warum brauchen diese Kinder so dringend das Gefühl der Macht, oder linder gesagt: der Wichtigkeit?). In solchen Situationen bin ich noch ziemlich hilflos, und es ist demotivierend so ohnmächtig das Schlimmste verhindern zu wollen.

Wir haben mit den Kids eine Herbstwand gemacht, mit Papierdrachen, Blätterigeln und Windspielen. Dann haben wir noch eine Spielewoche gemacht, mit Uno (ich kann diese Spiel nicht mehr sehen, und die Kids verstehen die Richtungswechsel-Regel nach dreißig Mal immer noch nicht, was dazu führt dass Nadja und ich jedes Mal jedem sagen müssen, wann er dran ist), außerdem Twister, Vier Gewinnt (gab bei den größeren einige schöne Taktikbattles) und Ligretto. In der Woche darauf haben wir ein bisschen Makramee gemacht, also Armbänder geflochten und geknüpft- allerdings ist das für einige zu feinmotorisch- trotzdem sind sie begeistert von den bunten Fäden.

Nurzyd, ein Zwölf- oder Elfjähriger, hat mir letztens Suren vorgesungen- war ziemlich cool, nur hat er mir danach erklärt, dass das Christenkreuz verboten sei und er, wenn er immer Omas hilft und niemanden schlägt, in den Allah-Palast kommt, wo es vierzig Zimmer mit vierzig Frauen gibt, und alles aus Glas ist, unter dem man Fische schwimmen sehen kann und die Fähigkeit hat, zu schweben. Fünf Minuten später schlägt er jemanden, ich frage ihn, wie er das mit seiner Aussage davor vereinbaren kann: „Hm, er ist doch ein Christ.“
Nun, wenn das so ist.

Auf jeden Fall: Ich frage mich manchmal, ob sich im Projekt wirklich so viel verändert, oder ob es nur meine Wahrnehmung ist, die sich verschiebt.
Hoffentlich nicht nur eines von Beiden.



Zum Schluss noch einige Eindrücke und Augenblicke, die man hier erleben kann:


Die drei maroden und doch froschgrünen Wartebänke,

die Frau im Bus mit dem zerfallenen Christenleidsgesicht,

die zwei patriarchalischen Pseudo- Veteranen, die sich auf kleine Kinder setzen,

das Wahlplakat, das „Nationalismus und Chauvinismus für das Volk“ verspricht,

die gelb glühenden Akazienbäume, die die uliza Duschambinskaja säumen,

die trockenen Kügelchen des grünen aggressiven Straßenkautabaks,

die ehemals prachtvolle Statue, an deren metallenem Handgerippe noch einige Betonstücke hängen geblieben sind,

die Selbstverständlichkeit, mit der sich eine Mitwandernde von mir Brot nimmt,

das nützliche Interesse der zukünftigen Austauschschülerin, die mich auf Englisch anspricht,

der getrocknete Joghurt, Kurut/Kypyt, den man wie ein salziges Bonbon isst,

die drei schwer filmreifen Pakete von 1000 som Scheinen, die en passant aus der blechernen Seitentür einer russischen Bank gegeben wurden

der Bauarbeiter, der nach der Uhrzeit fragt und sich, nachdem ich stolz auf Russisch geantwortet habe, als taubstumm entpuppt,

die Prügelei vor dem Aufzug beim Clubausgang, bei dem sie mit hallenden Kehlstimmen wie brütende Pinguine mit hochgezogenen Augenbrauen auf das Nächste einhacken

der Securitydienst, aus dessen schwarzem Wagen Musik wie aus einer Brainwash-Kinderserie auf die Straße schallt

der betrunkene Taschendieb, der gnadenlos nach einem fehlgeschlagenen Diebstahl halb bewusstlos geschlagen wurde und auf dem Gehweg hockend sich ausblutete

das sonnendurchflutete und verlassene Industriegatter im Stil des Pergamontores,

das dahin gemurmelte „Danke“ der buckligen machtgeilen Mitarbeiterin, die nun langsam zu akzeptieren beginnt,

der verwirrende Schwindel, der einen überkommt, wenn man einen chinesischen Kaugummi zu lange kaut

und nicht letzten Endes: Meine Freude, über die Entscheidung, hierher gekommen zu sein.


Das war’s vorerst aus dem frostigen Bischkek, aus dessen Rohren nun rotes Wasser fließt, und dessen Heizungen uns keinen Gefallen tun wollen, der Winter naht krass und klirrend- und wie immer: Ich bleibe gespannt, was sonst noch so passieren wird.

PS: Fotos gibts demnächst

Montag, 10. Oktober 2011


TOKMOK
Nach kurzem Suchen (Wegbeschreibung: „Nach einem Baum links rein“) wie geplant ein Abendessen bei Kolleginnen von Lukas, sie wohnen (noch) in einer Art favela in einem Kindergarten, wir sitzen im Tanz- und Bewegungsraum neben Plüschtieren und essen zu neunt, danach herrlich alberne Spiele und ein improvisierter Club, bestehend aus I-Pod Lautsprechern und einer über die Glühlampe gestülpten Socke- kurz darauf verdächtiger Brandgeruch. Auf dem Rückweg machen wir Witze darüber, dass man in dem Vorort immer Steine bei sich haben sollte, um sich Straßenhunde von Leib zu halten.
Am ersten Samstag nach dem letzten Blogeitrag sind Aibek und ich dann mit einer karitativen Organisation namens „The Green House“ nach Tokmok, einer 60000 Einwohner „Stadt“, die ca. anderthalb Stunden östlich von Bischkek liegt, gefahren. Davor jedoch zum Hauptquartier dieser Organisation: Das Haus ist wirklich grün, überall Fotos mit Bilduntertiteln wie: „Stay positive“ oder „A smile can change the world“- hier können Kirgisen mit den das Haus leitenden Amerikanern Englisch üben und wunderbar christliche Taten vollbringen, wozu auch eben das Besuchen von Waisenhäusern gehört. Die Leiterin ist schon älter und vom dauernden Hervorheben ihrer unglaublich(en) positiven Energie ein wenig mitgenommen, deswegen wirkt ihr Lachen ein wenig verkrampft, so, als täte sie es wissend, was das Lachen für Folgen haben kann. Naiv ist sie wohl nicht. Nichtdestotrotz: Wir fuhren nach Kant, ob diese Ortschaft nach Immanuel oder dem kirgisischen Wort für „Zucker“ (wegen der dort ansässigen Zuckerfabriken) benannt wurde, bleibt im Verborgenen, vielleicht ist das Wort auch nach dem Immanuel entstanden, oder es gibt eine Verbindung zwischen dem Ort und der Süße des kategorischen Imperativs? Karies und Bactus, mysteriös.
Das Waisenhaus befindet sich in einer ländlichen Gegend, das erste Mal bin ich dem im Zentrum fast prunkvollen Bischkek entwichen und wie erwartet rollen Eselskarren über schlaglochübersäte Asphaltpisten und fein geschniegelte Schulkinder rennen durch den Staub. Der Marschrutkafahrer bekommt per Zeichensprache von den anderen Fahrern mitgeteilt, wenn die Polizei im Anmarsch sein sollte, so hat er noch Zeit, das Tempo zu halbieren und so zu legalisieren. Die Geste erinnert ein wenig an einen West-Side-Hip-Hopper. Wir kommen an, das Haus dort mach einen soliden Eindruck, alles ist viel ruhiger hier und ein wenig mit einer niedergeschlagenen Stille belegt, obwohl die  dort wohnenden 100 Kinder so offenherzig und neugierig sind, wie ich es aus dem Zentr kenne, machen sie keinen so extrem rast- und endlosen Radau. Sie sind wirklich Waisenkinder, keine Sozialwaisen. Eine der amerikanischen Christinnen beschwert sich darüber, dass der kirgisische Staat Adoptionen so schwer mache. Ich will ihr aus Höflichkeit nicht widersprechen und gebe ihr somit Recht, dass doch eigentlich jeder Mensch in den Staaten leben sollte, zumindest wenn er putzig ist oder billig arbeitet. The promised land. Sie spricht nach drei Jahren soviel russisch wie ich es nach drei Wochen tue- so bekomme ich den Kulturimperialismus der Amerikaner mit. Wir spielen Frisbee und Volleyball mit den Kindern, machen Musik, tanzen, wie ein komischer sozialer Wanderzirkus haben wir Farbe und den verlockenden Glanz der Außenwelt in die Institution gebracht, für einige Stunden, für einen halben Tag. Wir fingen an, Kinder zu schminken, besonders begehrt war die flammenumrandete schwarze Maske, nur einmal kurz eine Unterbrechung: Eine Kuhherde musste durch das Gelände, innerhalb von Sekunden ist man von gemächlich schaukelnden Eutern umgeben die unwissend ein unbestimmtes Ziel verfolgen zu schienen, getrieben von einem o-beinigen Reiter mit kurzer Peitsche, weißem Lederhut und seinem monotonen Rufen, bei denen man merkt, wie oft sie schon benutzt worden sind, um sich seinen Lebensunteralt zu verdienen. Auf dem Rückweg: Schlaf, der Abend davor war anstrengend gewesen.

WANDERUNG N°1
Wie geplant dann am Sonntag die Wanderung zu dem See, anderthalb Stunden Fahrt in der Marschrutka, eine bunte Truppe (kirgisische Frauen mit rosa Handtasche und Stoffballerinas, zwei deutsche Midlife-Crisis-Touristen, russische Militärfanatiker, die in Tarnmuster-Hotpants (???) und Bazooka-Taschen (!!!) den Berg hochjoggen- und wir mittendrin). Auf der Hinfahrt: Frei lebende Pferdeherden, komische Truthahnfamilien und der atemberaubende Kontrast zwischen dem kargen Ödland auf den Berghängen und dem Fluss im Tal mit penetrant gelb strahlenden Birken und vielen Sanddornsträuchern. Wir ziehen los, Schwarzwaldatmosphäre, Gebirgsbach und Tannenwald, und immer wieder diese knöchernen aufgeplatzten Äste.

Auf den Lichtungen, bei denen wir oft vorbeikommen, liegen grauweiße Steine auf makellosem Gras, als ob sie dort jemand sorgfältig nach einem Muster platziert hätte. Nach dem steilen Wald: Das Hochland mit langen Gräsern und Wacholderbüschen. Es liegt die Provence in der Luft und wir essen abgrundtief saure Beeren. Das einzige was fehlt: Die Herr der Ringe Filmmusik, als wir über die Bergkuppe steigen und den See zum ersten Mal sehen: Eisblau, in strahlendem Türkis.

Wir ruhen uns aus, essen Comce (mit Fleisch oder/und Kartoffeln gefüllte Blätterteigtaschen), trinken Wasser aus dem See, es ist kalt und schmeckt leicht nach Sedimenten. Gewohnt hyperaktiv: Weiter, Kaisa und ich müssen noch den ganzen See umrunden. Man kommt sich vor wie bei einer Kamerarundfahrt im Film, die eine Szene aus allen Richtungen beleuchtet, die Kulisse verändert sich mit jedem Schritt. In einer kleinen schönen Bucht: Einige russische Kirgisen veranstalten ein monströses Picknick, sie bieten uns Plov, anscheinend eine Art Eintopf, und Vodka, anscheinend eine Art Wasser, an, wir begnügen uns mit dem Gedanken an einen sicheren Abstieg und nehmen dankend nur ein bisschen Brot an. Beim Abstieg: Gewohnt hyperaktiv, Kaisa und ich rennen durch den extrem unwegsamen Wald, wie Freerunner in der Natur, man springt von den Steinen ab, findet Steilkurven, weicht Wurzeln aus. Unten angekommen: Erschöpft und glücklich. Auf der Rückfahrt kommen wir nach dem von Deutschen, die von Lenin wegen „Sicherheitsgründen“ aus der Sowjetunion vertrieben worden sind, gegründeten Dorf „Rotfront“ in einen Kuhstau; die geruhsamen Damen ignorieren gekonnt das Hupen der Autos, die mitten in der Herde feststecken.


AUS DEM PROJEKT
Neues von der Arbeit: Nadja ist jetzt da und wir verstehen uns super, sie kann mir bei russischen Wörtern helfen und hat viele Ideen, was wir mit den Kindern machen können. Allein wäre ich nicht so aktiv. Ein aufkommendes Problem ist meine Nutzlosigkeit: Das Projekt braucht mich, bzw. Nadja und mich, nicht wirklich, wir sind eher im Weg. Morgens habe ich die Möglichkeit zwischen Frühstück (9 Uhr) und 10:40 Uhr, wenn ich die Kleinen von der Schule abholen muss, etwas zu machen. Anderthalb Stunden sind nicht viel. Dann, nach der Schule, gibt es Mittagessen und danach müssen die Jungs schlafen gehen. Auch wenn sie schon zwölf sind. Mir ist das echt ein Rätsel, die Mädels müssen das nicht tun, und es schläft sowieso keiner, es gibt immer nur nervige Schreierei und ich kann in der Zeit nicht viel machen, weil Nadja mit den Mädels sich beschäftigt. Nun ja, man wird eine Möglichkeit finden.
Beim Abholen der drei Jungs (Mohamed, Igor und Yilgiz) von der Schule: Sie begrüßen mich immer so lieb, als holte ich sie schon seit langem jeden Tag von der Schule ab, irgendwie bin ich etwas wie der Ersatzvater von den Dreien geworden. Aber dann ein pädagogischer Engpass: Igor hat Bonbons, zwingt mir netterweise eines auf, Yilgiz ist beleidigt weil er keins bekommt, ich frage Igor, ob er den Anderen keines geben will. Er gibt Mohamed eines, aber Yilgiz ist schon weggerannt. Ich muss ihn einfangen, wir müssen auf den Bus. Er ist nicht sehr schnell, aber mich schauen die Eltern der anderen Schüler an, als wäre ich ein Kinderschänder. Er bekommt von Igor das Bonbon und ist zufrieden gestellt, trotzdem nimmt er immer wieder Steine aus dem Straßengraben und droht den anderen beiden damit. Notiz am Rande: Er ist sieben. Im Nachhinein hätte ich einfach weitergehen sollen, er wäre schon mitgekommen. Hoffentlich.
Fast jeden Tag im Projekt: Lektion 1 „Wie man Kinder auspowert, ohne sich selbst zu erschöpfen“. Sie bekommen so viel zu essen, dazu noch der überflüssige Pesudo-Schlaf und als Sahnehäubchen Vitaminpillen; wie könnten sie auch anders als nicht stillsitzen wollen? Mit Origami ging es nicht wirklich (surprise!), Fußball wirkt immer, und dank meiner Funktion als Kletterbaum, Achterbahn und Schaukel kann ich auch auf ein Fitnessstudio verzichten.
Interessanterweise erklären die Kinder mir die Sachen manchmal nicht mehr, wenn ich etwas nicht verstehe und nachfrage, sondern reden lauter und wiederholen den Satz. Sie scheinen also nicht zu merken, wie viel ich eigentlich nicht verstehe- aber ich höre trotzdem zu: Sie haben viel zu erzählen.

WG-LEBEN
Wir haben polnische Pierogi gekocht, Teigtaschen mit Kartoffel-Schmand Füllung, ziemlich fein. By the way: Unser snobistischer living room, so aufgeräumt wie nie, mittlerweile müssen wir aber nicht mehr die Gardinenstange als Trockengestell benutzen und haben zwei Sofas, auf denen auch Gäste übernachten können. Man sieht draußen eine unsere drei Terrassen, in einer befindet sich die Kochzeile. Die Treppe rechts führt zu den Zimmern der hier hausenden adligen Gestalten.

Am Wochenende: Aibeks vierundzwanzigster Geburtstag, wir kochen alle zusammen Salate, gemütliches Beisammensein, danach in den Club „Globass“ mit Liveband, Twist und danach russischen Schlagern, ziemlich witzig. Und das Projekt: „Mehr Russisch in den Alltag“ – wir wollen/sollten uns nicht an das Englische gewöhnen. Der „pointless fridge“ mit dem penetranten Geräusch wurde abgeschaltet, er hat nicht gekühlt, deshalb ja auch pointless. Ich hasse ihn, er ist durch seine Untätigkeit an meinem derzeitigen eintägigen Zwangsurlaub schuld.

DORDOIJ
Unsere Einrichtung wird immer besser, wir waren bei Dordoij Bazaar, dem größten in ganz Zentralasien, und haben einen Reiskocher, Plastikschüsseln aus der Türkei, Handtücher, Kleiderbügel, Glühbirnen und alles Sonstige gekauft. Der Bazaar ist unvorstellbar riesig, er liegt ein weinig außerhalb der Stadt und ist an und für sich eine eigene Stadt, obwohl er erst vor ca.15 Jahren entstanden ist. Er erinnert innen ein wenig an einen trocken gelegten Hafen, oberhalb der Geschäfte und Stände sind Container gestapelt, die die unglaubliche Menge an Lagerware beherbergen. Gefeilscht wird nicht, die Preise stehen fest. Man schiebt und drückt sich durch die Menge, die unfassbare Vielfalt an Bildern, die auf einen einprasselt verstärkt das Gefühl, nicht mehr aus dem Straßennetz herauskommen zu können. Zwischendurch die klagend-lockenden Rufe von Händlerinnern, die für 25 som (40 ct) Comce verkaufen und sie in ausrangierten Kinderwägen durch die verbeulte Gegend schieben. „Kind durch Karriere ersetzt“, ist das jetzt zynisch?

Auf dem Rückweg: 41 Personen und fünf große Einkaufstüten in einer Marschrutka (zugelassen sind 15), das sind drei bis vier Personen pro Quadratmeter, kein offenes Fenster, dagegen ist ein Rockkonzert nur billig.

Nun denn, gerade habe ich russische Elementarvokabeln erhalten, mjami mjamm, vielen Dank auf jeden Fall für die Rückmeldungen. Ich hoffe es geht euch gut; und wie so oft: Es bleibt spannend.

Freitag, 30. September 2011

rast dva tri!

Die erste Arbeitswoche ist vorüber. Ich sitze nun hier in Bischkek in meinem Zimmer, in dem wundersamerweise ein verstimmtes Piano steht und versuche auf die erste, extrem erlebnisreiche Woche zurückzublicken. Die WG hier besteht aus zwei Kirgisen, einem anderen deutschen Freiwilligen und einer Polin. Sie hat ca. 120 Quadratmeter auf zwei Stockwerken und liegt einigermassen zentral. Zur Arbeit brauche ich eine Viertelstunde zu Fuß.
Ankunft am Sonntagmittag: Leere Batterien und interessante Gespräche dem Flug sei Dank, dann das Abgeholtwerden von Perisat, der Koordinatorin. Auf der Fahrt durch Bischkek der erste Eindruck: Ein riesiger Park, überall Bäume, in diesem fahren mordlustige Autofahrer durch die Gegend und wirklich verschiedenartige Menschen und weiter außerhalb auch Esel fliehen vor ihnen. Es ist herbstlich warm hier(mittlerweile stimmt das nicht mehr, es wird kühl) und dementsprechend wurden wir empfangen, Einzug (=Zimmer aussuchen, Koffer hinlegen) in der Wohnung und dann gleich zum Os-Basar. Niedrige Sonnenschirmstände, ausländische Ware, süße Milchkugeln im Angebot auf der Kofferraumladefläche eines alten deutschen Autos. Bunte Plastikschüsseln überall und Menschen, die sich an einem vorbeidrängen und im Dickicht des Handels verschwinden. Die Abteilung für Militärsuniformen ist riesig, anscheinend sowjetische Überbleibsel. Wir kaufen das nötigste: Bettzeug (China), Wasserkocher (China, die letzte Woche für Nudeltütensuppen benutzt, der Herd funktioniert nicht, obwohl man das Hahnenwasser hier problemlos trinken kann), Besteck (China) und sonstiges Basics. Ausschlafen.
Allgemein schlafe ich viel, alles ist neu.

Am nächsten Tag mit Perisat und Lukas zu den Projekten; die Leiterin seines Projekts, eine Deutsche, über das Meinige: „Es ist keine gute Institution. Ich kann ihnen nichts Genaueres sagen, weil ich morgen noch leben will, aber: Hüten Sie die Kinder. Hüten Sie sie. Manchmal möchte man schreien, wenn man weiß, was passiert.“ Netter Eindruck- ich zwinge mich, mir eine eigene Meinung erst zu bilden, wenn ich es mir leisten kann. Dann wirklich zum Kinderheim, in der Novaja Köcösü. Bunte Wände mit Blumen, keiner spricht Englisch oder Deutsch (von „eins zwei drei“ und dem „Hände Hoch!“ aus Spielfilmen einmal abgesehen). Ich werde den Mitarbeitern vorgestellt und sage zum ersten Mal den Satz, den ich mittlerweile so oft wiederholen musste: Ne ponil, ich verstehe nicht. Entgegen den Erwartungen (ertappt!) ein guter  bzw. nicht miserabler Eindruck von den Einrichtungen, es gibt zwei Schlafsäle, nach Geschlechtern getrennt, einen Lehr- und Mehrzweckraum, Küche, Esssaal, Doktorzimmer, Therapeutenzimmer (nie offen), Rektorat, Sekretariat (jetzt mit Molchen und rosa Hamsterkäfig). Die Jungs rennen mit ziemlich kaputten Spielzeugautos an Schnüren durch die Gegend und freuen sich ungemein, dass sie mich nach Namensnachfrage (sich 50 russische oder kirgisische Namen zu merken, ist definitiv nicht leicht, auch wenn dort mindestens fünf Kinder Sascha heißen) zum Fußballspielen instrumentalisieren durften. Dann Essen, pro Kind hat die Institution 60 Som am Tag, das entspricht einem Euro. Davon gibt es Frühstück, Mittagessen mit Salat oder (mit Glück: und) Suppe, nachmittags Tee und typisches Gebäck. Den Sponsor der Institution habe ich auch schon kennen gelernt, er kommt aus Kreuzlingen und kam mit einem Film- und Dokumentationsteam während des Mittagsschlafes in den Saal. Komische Situation, aber zumindest ein Mensch mit Plan und Geld.
Noch zur Arbeit: Jeden Morgen von neun bis mindestens vier bin ich dort und kann so lange bleiben wie ich will. Allgemein wird mir nichts vorgeschrieben und vorgesetzt, dementsprechend auch nicht geholfen (was wohl auch daran liegt, dass die Kommunikation noch sehr unbeholfen vonstatten geht). Habe mit den Kindern dann Papierflugzeuge gebaut und mit Buntstiften angemalt, was ihnen ziemlich viel Spaß gemacht hat. Die Kinder, vor allem die Mädchen, sind wirklich gute Russischlehrer, extrem geduldig und erklären mir alles zehnmal. Leider sind die Kinder oft ziemlich aggressiv, beispielsweise wenn es darum geht, wer jetzt mit mir Hand in Hand durch den Spielplatz laufen darf, dann kommt es oft zu Tritten und Faustkämpfen. Allgemein suchen die Kinder extrem den Körperkontakt und die Aufmerksamkeit, sind sehr anhänglich und man merkt nicht nur äußerlich, wie vernachlässigt sie sind. Riesige grüne Beulen am Kopf, Wunden und Narben von Zigaretten, faulige Zähne, Entzugserscheinungen à la Heroinjuckreiz. Meine Kollegen gehen fast alle nicht sehr zimperlich mit den Kindern um, Schläge auf den Hinterkopf sind so gewöhnlich wie das andauernde Schreien Die Betreuer müssen wirklich sehr Angst um ihre Autorität haben, was diese dann nicht gerade fördert. Nächste Woche kommt Nadja noch ins Projekt, ich bin freudig gespannt wie sich die Sache entwickelt, gehe aber sehr gerne ins Heim und ich merke, dass die Kinder und Jugendlichen es auch nicht als das Schlechteste betrachten, wenn man sie, wie es überraschenderweise meiner Ansicht nach nicht anders geht, ins Herz schließt.

Am Mittwoch dann abends die erste Erkundung des Bischkeker Nachtlebens im Apple Club. Später auch ein DJ aus Berlin, ca. 30 ausdrucksstark tanzende Menschen. Gute Stimmung. Dazu im Gegensatz gestern eine pseudo-snobistischer Club mit Aufpassern im Smoking und leicht- später dann unpassender Weise sehr leicht- bekleideten Animierdamen mit Schleier. Langweilige Musik, unschöne Menschen, dauerndes Strobo-Licht, später Spiele im Stil von türkischen Hotelanimationen. Thema des Abends: Hochzeit. Aha.
Unsere WG diente bis jetzt oft („oft“, nach einer Woche, jaaa) als Sammelpunkt für den weitern Verlauf des Abends, dementsprechend lernt man viele Leute kennen, Kirgisen als auch Freiwillige- coole Szene.

Thema: Essen und Trinken. Unser Standardabendessen: Tütennudeln, nicht sehr dekadent, aber nach dem Versuch, normale Nudeln (was ja durchaus dekadent wäre) im Wasserkocher zuzubereiten, sind wir wieder auf nicht-matschartige Kost umgestiegen. Aber im Restaurant: Lagman, extrem lecker, Nudeln mit Hammelfleisch und Gemüse. Wir hoffen hier, dass der Herd bald funktioniert. Milchprodukte gibt es hier in allen Formen und Farben, Milch mit 8% Fett, Kefir, Tschalal (wie Kefir mit Kohlensäure, ziemlich fein und angeblich ein gutes Katergetränk), Shoro (schmeckt und sieht aus wie Braumaische mit viel gutem Schwefeldioxid, oder lag das daran, dass das Getränk schon drei Wochen abgelaufen war?) etc. etc., frische Pistazien, getrockneter Fisch, Sandwiches, Brotaufstrich, der wie sehr junger Camembert schmeckt, rote Beete Suppe (Borschtsch), geräucherter Fadenkäse (hohe Suchtgefahr), die Spannung steigt, man bleibt gespannt.

Ein kurzer Ausflug in die Innenstadt, Transportmittel: Marschrutka, d.h. Kleinbus mit vielen Leuten und fehlender Orientierungsmöglichkeit, wenn man mit dem Kopf am Dach klebt. Taxis sind auch günstig, obendrein gibt es sogar Elektrobusse. Kurze Visite des Zentrums: Historisches Museum im sowjetischen Monumentalstil, Weißes Haus mit Einschusslöchern am Mauerwerk, die bei der Revolte während der letzte Wahlen entstanden sind (im Oktober sind übrigens wieder Wahlen, es sind offene Plätze zu meiden), dann ein Geplauder mit einer netten Dame, die uns höflich fragt, ob sie mit uns sprechen darf. Sie wollte ein bisschen Englisch üben. Kleiner Kunstmarkt: Kitschiger Kirgisischer Kram; Landschaftsmalereien, erinnert ein bisschen an die Bilder in österreichischen Berghütten. Daneben, um dem Klischee zu entsprechen, Pferdedarstellungen, mit Reiter, ohne Reiter, dynamisch und statisch, Pferde für jeden (Kunst-) Geschmack.

Sonntags: Historisches Museum, Teppiche auf den Treppen und davor ein riesiger Platz (namens Ala-Too), eine eigene Abteilung für Tschingis Aitmatov, Bücher in allen Sprachen, Manas-Kultur. Der erste Stock wurde so gelassen, wie er noch zu Sowjetzeiten war- ziemlich absurd überfüllt mit riesigen Bronzereliefs mit dem braven Herrn Lenin und seinen Kumpanen, direkt daneben: Lebendige Geschichte, Fotos von den Aufständen im letzten Jahr, Blut und Flammen neben verstaubtem Fanatismus. Wer sich hier wohl fühlt hat ein Problem. Aibek und ich gehen weiter, 19. Jhdt., Nomadentum, schwere Prunkgürtel und Peitschen, überall Handarbeit. Dann ab ins 5. Jhdt., der Grundriss eines buddhistischen Tempels mit arabischen Inschriften, daneben die vertrocknete Leiche eines Kriegerfürsten.

Heute: Im Projekt die Extreme: unglaublich herzerwärmende Kinder und Betreuer, die sie schlagen. Ich sitze daneben, schaue tatenlos zu und weiß definitiv nicht, wie ich mich verhalten soll- ich darf im Prinzip nichts tun, habe nicht das Recht und die sprachliche Möglichkeit, einen „professionellen“ Erzieher in die Schranken zu weisen, andererseits: Schuld durch Untätigkeit, verständnislose Kindergesichter. „Zu Hause“ müssen sie wohl noch mehr geschlagen werden, sonst wären sie nicht im Heim. Ein Kind, Stas, plötzlich mit Platzwunden an Auge und Mund, ich weiß nicht, was dahinter steckt- ein betrunkener Vater, eine Auseinandersetzung auf der Straße? Das linke Schulterblatt von Andrei ist zehn Zentimeter zu weit oben.
Und trotzdem: Sie lachen und freuen sich, bedanken sich bei mir für Zeichnungen von Actionfiguren, die sie mit Buntstiften ausmalen können, sind ausgelassen beim Basketball spielen. Ihre Welt scheint mir gegensätzlicher nicht möglich.

Der blogspot server scheint offline gewesen zu sein, deswegen jetzt auch kurz die dritte Woche in diesem Blogeintrag:
Ich wurde sehr oft als Baum benutzt und von bösen Vampiren gebissen: Die Kinder bei der Arbeit verlieren zunehmend Berührungsängste und tollen richtig freudig mit mir herum- der Rekord liegt bei sieben Kindern auf den Schultern und an Armen. Dass er nicht allzu bald gebrochen wird, ist klar. Mein Russisch wird immer besser, ich fühle mich definitiv nicht mehr nur verlegen wenn ich etwas nicht verstehe, die Kommunikation wird fast schon zur Routine. Der Spagat zwischen Autorität und Spielkumpane ist in meiner aktuellen Situation ziemlich schwierig zu meistern.
Wir haben jetzt eine Waschmaschine in der Wohnung, sie macht Geräusche wie ein Maschinengewehr. Passend dazu der Kühlschrank, ein perfekter Imitator eines klassischen Dubstep-Basses. Unser Plan fürs Wochenende: Heute abend sind wir bei Franziska und  Konsorten zum Essen eingeladen, mit dabei Räucherkäse, Musikboxen und natürlich von „die gute Vodka“…Morgen dann früh mit Aibek nach Tokmok, ein anderes Waisenheim besuchen, am Sonntag kommt früh dann Nadja und vormittags gehen wir an einen See wandern und picknicken, wie gute alte Leutchens.

Soviel erst einmal zu meinen ersten drei Wochen in meiner neuen Heimat Bischkek, mir geht es gut, alles ist neu und spannend, die Anziehungskraft der Stadt und der Menschen ist groß und authentisch- und erlebt habe ich schon so einiges, ich freue mich auf jeden Fall über Rückmeldung, ganz besonders (wen überrascht’s) über kritische.

Bis zum nächsten Mal: Da Svidanja!

P.S.: Ich bin unter der Handynummer (00996)551252381 zu erreichen, ist meines Wissens sogar recht bezahlbar.