Es ist grausam, zu entscheiden, was ich hier in den Blog schreiben soll und was nicht. Fast alles, was ich hier erlebe ist ganz normal im Leben eines jungen Menschen, man trifft sich mit Freunden und fährt dort und woanders hin, redet, kauft ein, geht in Bars, arbeitet, lernt und isst und schläft und...
Einiges ist es aber nicht.
Denn man macht auch größere Umwege ins entlegene Naryn , um sich Yaks im Hochgbirge an der Grenze zu China anzuschauen. Das war nämlich der Plan, dem Lukas, Kasia und ich folgten, weshalb auch immer. Zuerst zum Busbahnhof für interregionale Busse. Wie falsch ich lag, als ich dachte, dass Kirgisen nicht so penetrant sein können im Anpreisen ihrer Produkte. Nach einer Stunde Wartezeit in der Marschrutka fuhren wir los, auf der Straße in den Osten, Richtung Issyk Köl. Die Straße wurde von den Chinesen gebaut, um den Handel bzw. die Warenschwemme zu ermöglichen. Nach der Abzweigung zum Gebirgspass kam auf glatten Asphalt rissiger, dann löchriger, dann waren es eher Flecken und schließlich kam die finale Stein- und Schotterpiste. Die Fahrer fahren geschickt und todesmutig durch die Schlaglöcher und entgegenkommenden Lastwagen hindurch, um das sowieso schon elendig ausgeleierte Fahrwerk, was das Go-Kart-Feeling der 6-Stunden Fahrt ausmacht, des aus Deutschland importierten Mercedes nicht zur Gänze zu zerstören. Man will trotz Müdigkeit auf der Fahrt nicht schlafen, weil es viel zu sehen gibt: Ein fast ganz zugefrorener Stausee, der sich wie ein welliges Silbertablett kalt in das Tal presst, die erstarrten Gebirgsbäche, die eisig weiter fließen und das Kahl mit einem hervorgequollenen Gelbweiß überziehen, Ayranverkäufer, die in alten Eisenbahnwaggons am Straßenrand in umfunktionierten Bierflaschen ihre Ware der Weite aussetzen. Angekommen: Naryn hat 40.000 Einwohner, liegt auf ca. 2000 m und ist mit einer Pracht an Bergen umgeben. Wir werden von der Mutter einer Freundin der Freundin eines Mitbewohners (über solche Connections geht hier sehr viel) empfangen, der Winter hat die Blutgefäße ihrer Wangen platzen lassen, was ihrem Gesicht ein spinnennetzartig verteiltes Rot gibt. Wir haben sie noch nie gesehen, aber sie zeigt uns ihre Arbeit in der Bibliothek, erklärt uns offen, was sie an Naryn mag und was nicht, dass sie hier das beste Fleisch haben und sonst aber auch nichts, dass es hier amerikanische Peace-Corps- Freiwillige gibt (Warum ist dieses unsinnige, arrogante Land auch überall, genau so wie die obligatorische Lenin Statue? Es ist zwar kalt, aber der Krieg dazu ist zumindest offiziell beendet…) und dass ihre Kinder nicht dort bleiben wollen. Sie zeigt uns unser Hotel, eine überdimensionierte Absteige mit zerfallendem Anbau, in dem anstatt der zersplitterten Scheiben zusammengeschusterte Kartons stecken. Unser Zimmer war billig und warm, und vor allem: Gruselig. Vier Etagen mit je 40 Zimmern, drei Angestellte. Und ungefähr drei Gäste. Lange, krankenhausartig lackierte Gänge mit demotivierten, Dunkelteiche übrig lassenden Hängelampen. Absolute „The Shining“ Szenerie!
Am nächsten Morgen ging es dann mit einem ächzenden VW vom Nirgendwo ins echte Nirgendwo, noch näher an die Grenze zu China, noch näher an den Mond, weg von allem, was Menschen geschaffen haben, außer: Zwei kleine Lehmhäuser, die wahllos auf die sich lang ersteckende verschneite Hochebene gesetzt wurde, daneben ein leeres umzäuntes Gebiet. Mit uns fuhr ein dort wohnender kleiner Bauernjunge, Azamat, mit türkisblauen, wachen Augen und einer Haut, die ein wenig an mit Öl bepinselte Brotkruste erinnert. Er musste zuerst seinen Vater rufen, der uns dann die Yaks zeigen wollte. Zehn Minuten später sahen wir ihn: Auf dem Hügel, der sich vor die endlose Gebirgskette am Horizont schob, konnte man gegen die Sonne die stolze Silhouette eines Reiters ausmachen: Vor ihm stapften dreißig kleine beinlose Wollknäuel mit viel zu großen, wankenden Köpfen und schwarzen Knopfäuglein, die die Mächtigkeit der Szene irgendwie nicht ganz ernst zu nehmen gewollt waren. Wir konnten dann die Yaks anschauen, die extrem scheu waren und immer wegrannten, danach hat er uns auch angeboten auf seinem Pferd ein bisschen zu reiten. Währenddessen redeten wir die ganze Zeit mit unserem lustig-konservativen Fahrer über Heirat: „Also ihr in Europa habt’s ja doof, hier schnappt man sich einfach die Frau, die man möchte und heiratet sie.“ „Ja, und was sagt die dazu?“ „Sie hat nicht so viel Zeit zu reden, wenn sie doch kochen muss!?“ Es ist einfach zu stereotyp. Interessant, dass er uns stolz später berichtet, dass in Ош (Osh) die Frauen beim Essen die Männer bedienen müssen, sodass man nur ihre Hand sehen kann. Ist sicherlich auch eine interessante Lebensaufgabe, sich darin zu perfektionieren. Well. Zurück nach Naryn, neben uns auf einem Sitz drei Kinder mit derselben Brotkrustenhaut wie Azamat und einem Kanister mit frischem Blut zwischen den Füßen, zurück fahren wir zu unserer lieben Gastgeberin, die schon gekocht hat. Brav so, sonst hätte es aber auch..:! Karottensalat mit Knoblauch und Kartoffelsalat mit roter Beete, selbstgebackenes Brot. Hungrig essen wir, stuhllos (nicht aus Mangel) sitzend, es ist köstlich. Danach noch Plov – Reis mit Karotten, Öl und sehr fettem Fleisch- in Massen, höflich überdehnen wir unsere Mägen, danach zwei Wodka (Zitat der Mutter zu ihrem Kind „Ach, stör’ doch nicht, wenn Mama trinkt!“)- zwei deshalb, weil man bei ungeraden Zahlen nicht heiraten wird, und irgendwie geht’s anscheinend immer um Heirat. Beachtenswert auch die Wünsche, die uns die Gastgeberin ausspricht:
„Auf dass ihr immer das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden könnt.“
Auf ein Wort, das kann man brauchen!
Nun, es bleibt spannend, liebe Leser, der Frühling hier in Bischkek kommt nun endlich zögerlich in die Stadt.
Bis dann,
Aaron
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